Libreria delle donne di Milano: Rotes
Sottosopra
Das Patriarchat ist zu Ende
Es ist passiert - nicht aus Zufall
Das Patriarchat ist zu Ende
Das Symbolische lacht
Männer
Das Allgemeine als Vermittlung
Wie lange noch?
Wenig plausibel, aber dringend
Anstelle des Ich/Wir/Sie
Der Ort der Freiheit
»Yo no soy para más de parlar«
Es ist passiert
Das Patriarchat ist zu Ende Die
Frauen glauben nicht mehr daran und damit ist es zu Ende. Es hat so lange gedauert,
wie es für das Denken der Frauen etwas bedeuten konnte. Jetzt, da es dazu nicht
mehr imstande ist, kann es nicht weiterexistieren. Das heißt nicht, daß die
Frauen dem Patriarchat zugestimmt hätten - zuviel wurde ohne sie und gegen sie
beschlossen: Gesetze, Dogmen, Eigentumsverhältnisse, Sitten und Gebräuche,
Hierarchien, Rituale, Lehrpläne... Es war eher ein »Aus der Not eine Tugend
machen«. Und das machen die Frauen heute nicht mehr - heute leben wir in
anderen Zeiten, was sich schon daran erkennen läßt, daß die Dinge, die ohne und
gegen die Frauen beschlossen wurden, allmählich verschwinden - gerade als ob
sie den Frauen gehorchen würden. Wie seltsam! Aber vielleicht gilt ja für die
Herrschaftsverhältnisse dasselbe wie für die Liebe, nämlich daß zwei dazugehören?
Und jetzt macht die Frau nicht mehr mit, sie ist nicht mehr dieselbe, sie hat
sich verändert, wie man so schön sagt. Aber damit ist nicht alles gesagt. Es
geht nämlich nicht um eine beliebige Veränderung.
Heute bewegen sich Frauen - aber nicht nur
Frauen - auf eine Art und Weise in der Welt, die klar und deutlich zeigt, daß
das Patriarchat am Ende angelangt ist. Das drückt sich in der Bereitschaft aus,
sich selbst zu verändern und Tauschbeziehungen einzugehen, in denen nichts aus
dem Spiel gelassen wird. Leichtigkeit könnten wir das nennen. Oder weibliche
Freiheit - denn daran gemessen verschwinden, für Frauen wie für Männer,
sämtliche Vorteile der patriarchalen Herrschaft. Diese Vorteile gibt es nämlich
durchaus, zum Beispiel die Identität: Herrschaft schafft Identität - sowohl für
diejenigen, die sie ausüben, als auch für die, die ihr untergeben sind. Gerade
das Bedürfnis nach Identität hat viele Formen von Knechtschaft
aufrechterhalten. Wenn das Patriarchat nun im Denken der Frauen nicht mehr als
ordnendes Prinzip funktioniert, geht es vor allem als identitätsstiftende
Herrschaft unter. Die Frau gehört ihm nicht mehr - alles übrige wird sich
daraus ergeben und hat sich bereits daraus ergeben, und zwar so verwirrend
schnell, daß es viele (womöglich gerade die, die sich für besonders intelligent
halten) gar nicht begreifen.
Hier könnte der Einwand kommen: Wenn das stimmt,
was ihr hier behauptet, warum ist es dann nicht für alle sichtbar? Eine Sache
von solchen Ausmaßen müßte doch, wenn sie wahr ist, für alle erkennbar sein.
Das ist sie auch. Doch damit sie wirklich sichtbar wird, ist ein
Bewußtwerdungsprozeß erforderlich. Jeden Tag wird sie deutlicher: Noch bis vor
einem Jahr konnte man sich dem Glauben hingeben, es handle sich um einen auf
die reichen Industrieländer beschränkten kulturellen Wandel. Mit der Kairoer
Weltbevölkerungskonferenz (1994), mit dem Forum von Huairou und der Pekinger
Weltfrauenkonferenz (1995) hat sich aber gezeigt, daß das Ende des Patriarchats
alle Länder der Welt betrifft - einer Welt, die quasi auf einen Schlag von
enormen Veränderungen gekennzeichnet ist, und eine davon ist das Ende des
Patriarchats. Was damit zu Ende ist oder seinem Ende zugeht, ist die Kontrolle
der Männer über die Gebärfähigkeit der Frau und über ihre Nachkommen. Zu diesem
Ergebnis hat die Auflösung vieler familiärer Abhängigkeiten beigetragen,
bedingt durch den technischen Fortschritt, ferner die Medizin, d.h. konkret die
Verringerung der Kindersterblichkeit sowie die - wenn auch kritikwürdige - Empfängnisverhütung.
Doch der wirtschaftliche und wissenschaftliche Fortschritt allein hätte keine
Freiheit bedeutet, wenn nicht ein Bewußtwerdungsprozeß der Frauen damit
einhergegangen wäre, und - was noch wichtiger ist - wenn ihm nicht die
weibliche Liebe zur Freiheit vorausgegangen wäre oder ihn fast schon
vorweggenommen hätte. Als die Experten für Demographie sich dazu entschlossen,
die Frauen zu befragen, was entdeckten sie da? Ein weitverbreitetes (und
unerwartetes) Bedürfnis der Frauen nach Kultur und nach Hilfestellung, um ihren
gebärfähigen Körper in aller Freiheit bewohnen zu können. Wieviel Geld wurde
dagegen in bevölkerungspolitische Kampagnen gesteckt, die oft nicht gerade
menschenwürdig zu nennen sind (etwa Geldprämien für alle, die sich sterilisieren
ließen). Diese Summen hätten viel besser eingesetzt werden können, um dem
Bedürfnis der Frauen nach freier Verfügbarkeit über ihren Körper nachzukommen.
In den Kommentaren über das Forum von Huairou,
wo sich die Nicht-Regierungs-Frauenorganisationen trafen, tauchte das
Schlagwort »neuer Feminismus« auf. Der Ausdruck ist zutreffend, was das weite
Netz von internationalen und interkontinentalen Beziehungen zwischen Frauen
betrifft - die allerdings schon seit den Anfängen des Feminismus' bestanden.
Doch in Huairou (und noch zuvor in Kairo) zeigte sich ganz deutlich, daß sie
imstande sind, Kontraste und Kluften zu überbrücken, die durch eine männlich
dominierte Geschichte zustandegekommen waren, wie etwa die zwischen den
ehemaligen Kolonialmächten und den kolonialisierten Ländern. Es wäre hingegen
falsch, von einem neuen Feminismus zu sprechen, wenn man darunter das Streben
nach einer stärkeren Präsenz von Frauen an verantwortungsvollen Stellen unter
Berufung auf die weibliche Differenz versteht. Der Feminismus war nie
ausschließlich (und auch nicht schwerpunktmäßig, zumindest in Italien nicht)
auf den Vergleich mit der Lage der Männer ausgerichtet, sondern vielmehr auf die
freie Interpretation der weiblichen Differenz, die Schritt für Schritt
erobert wurde - nicht mit Hilfe von Gesetzen, sondern durch die Praxis
der Beziehung unter Frauen.
Wer
Quellentexte dazu lesen möchte, nehme die Schriften der italienischen Autorin
Carla Lonzi (1931-1982) und Drei Guineen von Virginia Woolf (1938) zur
Hand. Die Bemühung darum, der weiblichen Differenz eine originelle, unabhängige
Bedeutung zu verleihen, ist viel älter als der wissenschaftliche Fortschritt,
als der Feminismus und als die bürgerliche Revolution. Wie eine direkte
Verbindung besteht zwischen Huairou-Peking und den Texten von Carla Lonzi oder
Simone de Beauvoirs Werk Das andere Geschlecht oder Susan B. Anthony,
die Gertrude Stein die »Mutter von uns allen« (The Mother of Us All)
nannte, so gibt es auch eine Kontinuität, die zurückreicht zu den Preziösen des
Sechzehnten und Siebzehnten Jahrhunderts und weiter zu den Beginen des
Dreizehnten Jahrhunderts, zu Hypathia von Alexandria, der Philosophin, die dem
Zusammenleben von Christentum und Hellenismus zum Opfer fiel und 415 n. Chr.
getötet wurde.
Die Frauen von heute sind die Erbinnen einer
uralten weiblichen Liebe zur Freiheit. Wir beziehen uns hier auf die Geschichte
der westlichen Welt, weil wir diese besser kennen - es ist unsere eigene. Aber
die Autonomie, von der die Frauen aus anderen Kulturkreisen in Kairo und Peking
Zeugnis abgelegt haben - nur eine sei hier erwähnt, Gertrude Mongella aus
Tansama, die Vorsitzende der Pekinger Konferenz -, ist ein Beweis dafür, daß
auch außerhalb der westlichen Welt über sehr viele Generationen hinweg ein
Bewußtwerdungsprozeß der Frauen erfolgte, der ein wertvolles Erbe aus alten
Zeiten darstellt.
Die Sprache allerdings, die aus Peking wie aus
Huairou zu uns gelangte, war voller Klagen, Forderungen und Jammertönen - die
typische Sprache derer, die sich die von der Herrschaft angebotene Identität
überstülpen: das Opfer, die Anwältin des Opfers, die Verfechterin universeller
Rechte. Doch inmitten dieser fast babylonischen Sprachverwirrung (von der auch
die Abschlußdokumente zeugen), aber kaum davon beeinträchtigt, war eine Stimme
herauszuhören, die von einem einzigartigen Ereignis sprach - einem der
Ereignisse, die die Geschichte der Menschheit prägen. Diese Stimme sprach in
einer gemeinsamen Sprache, einer universellen Sprache, die allerdings wenig
oder gar nichts mit dem angeblichen Universalismus der Rechte (de facto eine
Erfindung des Westens) zu tun hatte, hingegen aber sehr viel mit der primären
Rolle, die der Beziehung unter Frauen zukommt.
Das ist eine tiefgreifende Veränderung, deren
Ausmaße erst in einiger Zeit einzuschätzen sein werden. Vielleicht wird sie
auch ein Grund zur Angst sein. »Die Frauen haben nichts zu lachen, wenn die
symbolische Ordnung zusammenbricht«, schrieb die Philosophin Julia Kristeva
1974. Sie wußte, daß ein Zusammenbruch (denken wir nur an die Berliner Mauer)
oft mehr Probleme entstehen läßt, als er beseitigt. Wir haben trotzdem Lust zu
lachen, aber wir fragen uns: Und was nun? Was wird mit der Welt und mit uns
passieren - jetzt, wo das Leben der Frauen und die Beziehungen zu den Männern
nicht mehr beziehungsweise immer weniger von der patriarchalen symbolischen
Ordnung geregelt sind?
Um eine erste Vorstellung davon zu bekommen,
schauen wir unsere Gegenwart und unsere Gesellschaft an: Im Laufe der letzten
zwanzig bis dreißig Jahre ist die Zeit zu Ende gegangen, in der Frausein
Schicksal, das heißt biologisch bedingtes Zurverfügungstehen für andere
bedeutete. Heute, in unserer Gesellschaft, ist eine Frau aufgerufen, über ihre
Ausbildung, ihre Arbeit, ihre Liebesbeziehungen, ihre Gebärfähigkeit und ihre
gesellschaftlichen Aufgaben zu entscheiden. Die Antwort der Frauen auf diesen
»Ruf« ist in ihrer ganzen Komplexität und ihrer außerordentlichen historischen
Neuheit noch wenig untersucht. (Einen Titel können wir zitieren, Composing a
life, 1989, von der US-Amerikanerin Mary Catherine Bateson.) Einige
Anzeichen für eine Antwort finden sich auch in statistischen Angaben über
Arbeit und Geburtenziffern - beeindruckende Daten, was Italien anbelangt.
(Italien ist, wenn nicht im weltweiten, so doch im europäischen Vergleich, ein
weniger bedeutendes Land, doch war und bleibt es politisch gesehen ein
einzigartiges Land - quasi ein Versuchslabor, was sich auch in diesem Fall
wieder einmal bestätigt.) An mehreren Stellen erschienen Angaben, nach denen
die italienischen Frauen insgesamt die am wenigsten gebärfreudigen und die
am stärksten berufstätigen Frauen der Welt sind. Die beiden Daten sind
nicht unabhängig voneinander zu betrachten und wären noch durch weitere zu
ergänzen, wie die bessere Schulbildung und die höhere Lebenserwartung. In der
Tat: Auf wieviele Kinder haben wir verzichtet, um unsere Unabhängigkeit zu
bewahren, ohne die Kräfte unserer Mütter oder Schwiegermütter übermäßig in
Anspruch zu nehmen? Oder um selbst die Kraft zu haben, die zur Pflege von alten
oder behinderten Menschen nötig ist? Die fraglichen Daten dürfen außerdem nicht
isoliert von der weiblichen Differenz gesehen werden: Eine Frau unterwirft sich
auf dem Arbeitsmarkt nicht vollständig dem Maßstab des Geldes, der Macht oder
des Erfolges und dem entsprechenden Konkurrenzdruck, sondern sie kalkuliert
auch die Befriedigung mit ein, die ihr durch die Qualität der Arbeit, durch die
Freundschaft mit den Kolleginnen, durch Liebe, durch Kinder... zuteil wird.
Im Sommer 1995 veröffentlichte die UNO die
Ergebnisse der weltweit durchgeführten Studie zum Thema Arbeit und brachte
somit zu Tage, daß die Italienerinnen - bei einer Arbeitszeit der Frauen, die
auch absolut gesehen viel höher liegt als die der Männer - diejenigen sind, die
am meisten arbeiten, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Hauses. Das
bestätigte eindeutig etwas, was sich schon mit bloßem Auge erkennen ließ:
Unsere Gesellschaft nimmt immer deutlicher ein weibliches Vorzeichen an - ein
weibliches, kein mütterliches, auch wenn natürlich viele Frauen Mütter sind und
alle eine Mutter haben.
Noch etwas anderes fiel uns auf: die schwachen
Kommentare hierzu. In der linken Presse war die Rede von extremer Ausbeutung
der Frauen und fehlenden Kindergartenplätzen - ein Denkschema, das mindestens
vierzig Jahre alt ist. Es verschleiert auch all das, was Frauen erreicht haben:
dank präziser Strategien ist es ihnen gelungen, ihre Präsenz im öffentlichen
Leben, persönliche Unabhängigkeit und all gemeine Lebensqualität miteinander zu
vereinbaren. Unter diesem Gesichtspunkt hinkt die politische Kultur der Linken
eindeutig der Entwicklung hinterher. Sie ist nicht imstande, die »weibliche
Revolution« zu registrieren, die die Gesellschaft in ihren elementarsten
Punkten verändert. Im August 1995 erschien in der Tageszeitung der PDS, L’Unitá,
der Brief einer jungen Frau, in dem kurzgefaßt folgendes stand: Was kann ein
Mann (mein Lebensgefährte) mit mir, mit meinem feministischen Bewußtsein
anfangen - so verschlossen wie er ist gegenüber all den Dingen, die ich
einzubringen habe? Worauf ihr der Zuständige für die Rubrik, ein Psychologe,
antwortete: Erstens sind Sie aufgrund Ihrer körperlichen Voraussetzungen eher
als die Männer zur Innenschau veranlagt, und zweitens dürfen Sie nicht
erwarten, daß ein Mann, nur weil er ein Linker ist, besser als der Durchschnitt
seiner Geschlechtsgenossen ist. - Nach dieser Antwort erwartet sicher keine
Frau mehr etwas, bei einer solchen Blindheit gegenüber den Anzeichen einer
wachsenden Kluft zwischen Frauen und Männern, gegenüber der Bedeutung der
weiblichen Differenz und dessen, was sie an »Mehr« in sich birgt. Ein Mehr
nicht im physiologischen Sinn, wie der Psychologe offensichtlich glaubt,
sondern ein Mehr im historischen, politischen Sinn - auch wenn die
feministische Kultur die Geschichte oder die Politik natürlich nicht vom Körper
trennt. Gerade dieses »Mehr« ist eine Errungenschaft der Frauen, die ihre
politische Praxis nicht vom Leben trennten, und dieses Mehr wartet noch auf
Ansprechpartner, die der Sache gewachsen sind. Vielleicht fehlte der Linken ja
die Vermittlung von einflußreichen Frauen. Diese Vermutung wird auch dadurch
bestätigt, daß sich ausgerechnet der Sekretär der größten linken Partei auf
Verhandlungen mit den Abtreibungsgegnern einließ. Das wäre zu Zeiten der
historischen Kommunistinnen Adriana Seroni, Nives Gessi, Nilde lotti oder
Teresa Noce nicht passiert. Aber vielleicht sollten wir das auch nicht an
Personen festmachen, vielleicht geht es um die Bedeutung der Begriffe »links«
und »rechts« selbst: Mit dem Verschwinden des Kommunismus' wird links/rechts
immer mehr zu einer rein funktionalen Differenz innerhalb der repräsentativen
Demokratie. Der Gegensatz rechts/links verliert jedenfalls mit Sicherheit
seinen Sinn, wenn es um die Politik der Frauen, und damit, langfristig gesehen,
um die Politik geht, denn immer mehr ist die Politik die Politik der Frauen.
Das Symbolische lacht Wenn wir schreiben »Das Patriarchat ist zu
Ende« oder »Die Politik ist die Politik der Frauen«, sind wir sicher, daß diese
Worte die sich verändernde Wirklichkeit richtig zum Ausdruck bringen. Wir sind
uns allerdings auch bewußt, daß diese beiden Formulierungen, die an sich klar
(vielleicht zu klar?) sind, für die meisten - einschließlich Frauen -
merkwürdig klingen. Das liegt daran, daß bestimmte Leute, und zwar gerade die,
die am ersten die sich verändernde Realität interpretieren sollten (früher
hießen sie Intellektuelle) nicht mehr zuhören und verstehen wollen. Das
Resultat ist eine symbolische Unordnung (wir könnten es auch Engstirnigkeit
nennen), wie sich etwa an der Antwort des Psychologen auf die klar formulierte
Frage der jungen Frau zeigt. Die fehlende Bereitschaft zum Zuhören und zum
Verstehen geht einher mit der Schwierigkeit, eine Wirklichkeit zu interpretieren,
die sich tiefgreifend und rapide verändert. Viele haben geglaubt, man brauche
sich nur von den Ideologien zu befreien, um die eigene Intelligenz
wiederherzustellen, doch mittlerweile hat sich gezeigt, daß das nicht der Fall
ist.
Aber es geht nicht nur um Intelligenz. Als die
UNO-Statistiken über die Rekordarbeitszeiten der Italienerinnen erschienen,
wurde an manchen Orten die Aufforderung laut: Also bitte, nehmt euch die Macht!
Diese Reaktion ist zwar sinnvoller als die Reden über extreme Ausbeutung, zeugt
aber ihrerseits von größtem Unverständnis gegen über den derzeitigen
Veränderungen. Man maßt sich an, die stärkere Präsenz der Frauen im
gesellschaftlichen Leben auf die Logik von »mehr Macht« zu reduzieren. Die Lust
auf Macht gilt als universell und gültig für alle. Das stimmt aber für viele
Frauen und auch für manche Männer nicht - doch das scheint für die Verfechter
dieses einseitigen Standpunktes nicht von Belang. Wenn es nach ihnen ginge,
müßte die Sprache der Macht obligatorisch eingeführt werden, so wie Englisch in
der Schule. Dabei geht es ihnen keinesfalls um besondere Fähigkeiten, sondern
um »Bequemlichkeit«, es ist »praktischer«, »man versteht sich so einfach
besser«. Das ist eine Form von heimtückischer Gewalt, denn sie wirkt täglich
auf uns ein und zerstört die Differenz an ihrer Wurzel, dort wo es möglich ist,
der Welt und sich einen Sinn zu geben.
Die Destruktivität der konventionellen, aber
obligatorischen Sprache der Macht mit ihrem Universalitätsanspruch kommt gerade
an den Orten voll zum Tragen, wo sie effektiv die vorherrschende Sprache ist.
Die kleine Gewerkschafterin, die ihrer Arbeit nachgeht, den Arbeiterinnen und
Arbeitern zuhört, sie ermutigt, das Wort zu ergreifen und ihnen ein Beispiel
dafür gibt, wie man direkt sprechen, von sich selbst, von der eigenen Erfahrung
ausgehen kann - sie kann das so lange tun, wie sie mit ihrem kleinen Auto von
einer Fabrik zur anderen tuckert. Aber wenn sie diese Praxis, die ihre ganze
Seinsweise ist, bei der Gewerkschaftsleitung vorbringt, wird von ihr verlangt,
daß sie sich ausweist: Was willst du überhaupt? Du bist selbstbezogen; was soll
das denn sein, dieses Von-sich-selbst-Ausgehen? Weibliche Differenz? Wollt ihr
Quoten? Darüber läßt sich diskutieren. Ach nein? Dann wollt ihr also eine neue
»Gewerkschaftskomponente« sein? Auch das nicht! Also, was seid ihr denn dann?
Ordensschwestern, Sozialarbeiterinnen, Praxistanten... Oder eine neue
Sekte...?? Und so steigert man sich in ein immer größeres Unverständnis hinein,
bis womöglich sogar der Antrag auf Rücktritt laut wird. Hier handelt es sich,
wie sicher deutlich geworden ist, um eine wahre Geschichte, aber sie ist auch
ein Exempel für eine bedenkliche Pattsituation, in die unsere
Gesellschaft geraten ist. So entsteht nämlich jenes unsichtbare Glasdach,
das die besten Energien der Frauen zurückhält. Die amerikanische Soziologie,
die diesen Ausdruck geprägt hat, macht daraus eine Frage der Diskriminierung,
die sich mit Hilfe der Antidiskriminierungspolitik lösen läßt. Das ist eine
illusorische Maßnahme. Eine solche Politik hilft zwar, eine gewisse Anzahl von
Frauen nach oben zu befördern, aber das unsichtbare Dach blockiert weiterhin
die Differenz, die Sprache, das Mehr der Frauen, wie sich an unserem Exempel
deutlich erkennen läßt.
Diese Pattsituation kann ein Gefühl der
Bedrohung für das weibliche Begehren auslösen, und das ist tatsächlich auch
schon eingetreten. Das Ende des Patriarchats ist überschattet von einem
scheinbar unbegründeten Leiden der Frauen, das sich in Melancholie und
Depression ausdrückt. Geht am aufklarenden Himmel nicht vielleicht die
»schwarze Sonne« einer neuen Traurigkeit der Frauen auf? Ist in der Pathologie
des am Sprechen gehinderten weiblichen Begehrens an die Stelle der Hysterie die
Depression getreten? Alle Anzeichen sprechen dafür. Wer ein Minimum an Spürsinn
besitzt, zweifelt nicht daran - auch wenn es komisch ist, daß diese Beobachtung
von den Verfasserinnen eines politischen Dokumentes kommt und nicht von denen,
die sich Psycho-Analytiker nennen.
Hier drängen sich wieder die Worte Kristevas
auf: »Die Frauen haben nichts zu lachen, wenn die symbolische Ordnung
zusammenbricht«. Sie hallen auch in den Worten einer kroatischen Delegierten in
Huairou wider: »Die Berliner Mauer ist auf die Frauen niedergebrochen«. Besteht
ein direktes Verhältnis zwischen dieser bitteren, aber klarsichtigen
Feststellung und dem Verlust an Mut, der hinter dem Schweigen, der
Zurückhaltung, der Tendenz zur Anpassung und der Selbstbeschränkung vieler
Frauen zu vermuten ist? In welchem Maße hängt das Begehren der Frauen vom
Begehren anderer ab?
Wir können hier noch keine Antworten liefern -
unser Beitrag besteht vor allem aus Fragen. Doch wir haben klar vor Augen und
sehen das auch mit gewisser Heiterkeit, daß gerade wir es sind, die diesen
unsicheren Moment einer jahrtausendealten Geschichte miterleben. Wir sind es,
die die Wette eingehen und auf die Worte »Ende des Patriarchats« und
»Die Politik ist die Politik der Frauen« setzen. Die sich verändernde Realität
benennen - präzise benennen, das bedeutet, eine Wette einzugehen auf die Welt
und der Welt die Tore zu öffnen für das, was sie an Mehr in sich birgt. In
anderen Worten: das Symbolische (eine Wette eingehen ist ein
symbolisches Handeln) siegt über die »schwarze Sonne« und setzt das Begehren
frei. Deshalb haben wir Lust zu lachen. Das Symbolische - was ist das? Die
Sprache, die wir sprechen, und die Stimme, die wir zum Sprechen haben, mit
ihrer wundersamen Fähigkeit, das Bestehende zu revolutionieren: So
werden Momente des Stockens zu bedeutsamen Pausen; mißglückte Formulierungen
zur Gelegenheit, etwas besser zum Ausdruck zu bringen, Hindernisse werden zu
neuen Ansatzpunkten, Mängel zu Wendepunkten; Momente des Scheiterns zu einer
Treppe, die nach oben führt, und Tiefpunkte zur Chance, tiefgehender zu
reflektieren. Die Sprache ist keine Summe von Wörtern, wie es scheinen könnte,
sondern eine Vervielfachung, ja noch mehr als eine Vervielfachung, ein Spiel
mit offenem Ende, hinausweisend auf ein Mehr, denn ein neues Wort kann - wie auch
die Linguistik bestätigt - die Bedeutung unseres gesamten vergangenen Sprechens
(und Lebens) in Frage stellen.
Die Politik der Differenz ist eine Politik des
Symbolischen. Sie zieht keine Schlüsse aus den sogenannten Tatsachen, ohne
deren Bedeutung zu hinterfragen - die Bedeutung, die sie bereits haben, aber
auch die, die sie im Lichte meines oder deines Begehrens annehmen können. Und
die kleinen Ergebnisse werden nicht einfach angehäuft; jedes wird erneut
investiert, um noch mehr hinzuzugewinnen - und so gibt es schließlich nur große
Ergebnisse. Unter der schwarzen Sonne der Depression erscheint die Wirklichkeit
begrenzt, beschränkt; es bleiben nur die Mechanismen der Macht - für
diejenigen, die sie lieben. Das Symbolische öffnet die Wirklichkeit, setzt das
Begehren frei, das immer bereit ist, auch die kleinsten Gelegenheiten zu
nutzen. Das Symbolische ist nicht Widerstand, sondern ein neuer Anlauf; es
ähnelt mehr einem Spiel als der Arbeit - einem Spiel, wie Kinder es spielen,
mit Leichtigkeit und Ausdauer.
Deshalb haben wir die Versuchung bekämpft, in
Jammern und in Vorwürfe zu verfallen - eine Versuchung, die wir in uns selbst,
aber auch außerhalb und gegen uns gerichtet spürten -, denn aus dieser
Perspektive erscheint alles erbärmlich, und die Wünsche werden auf verquere,
demütigende Weise befriedigt. Deshalb haben wir die emanzipationistische
Politik bekämpft, die nur eine Art von Wunsch zuließ, nämlich den männlichen -
ja den am typischsten männlichen, nämlich den, mehr Macht als die anderen und
über die anderen zu haben. Deshalb haben wir die Gleichstellungspolitik
bekämpft, mit ihrem ganzen Drumherum von Quoten und Chancengleichheit und ihrer
Logik, »den Kuchen aufzuteilen«, wo keinerlei Bruch mit dem Alten, kein neuer
Start und keine Umkehrung der Dinge zulässig ist, so sehr ist sie dem
vorgegebenen Denken verhaftet. Sie nennen es »Realismus«, aber bei genauerer
Betrachtung der Realität zeigt sich, daß es falscher Realismus ist, dem
Motivation, Kreativität und Souveränität immer mehr abhanden kommen.
Das alles sagen wir auf der Grundlage unserer
eigenen Erfahrung. Wie Theresia von Avila im 18. Kapitel ihres Buch des
Lebens schreibt, so haben auch wir uns hier vorgenommen, »nichts zu sagen,
was wir nicht lange Zeit selbst erfahren haben«.
Männer Das
Ende des Patriarchats ist sicherlich nichts, worüber viel zu lachen wäre -
weder heute noch in Zukunft. Das Patriarchat war nicht einfach nur die
Kontrolle der Männer über die weibliche Sexualität. Es war, alles in allem,
auch eine Kultur - ja eine Reihe von Kulturen, mit all ihren Institutionen,
Religionen und Gesetzen. Wir können hier nicht sämtliche anthropologischen,
historischen und soziologischen Studien aus feministischen und
vorfeministischen Zeiten zusammenfassen. Wir möchten nur daran erinnern, daß
zahlreiche Institutionen auf die symbolische Ordnung des Patriarchats
zurückgehen: Parlamente, Staaten, Gleichbehandlung vor dem Gesetz, die
Rechtsprechung, die Armeen - Institutionen, die als modern und als weiterhin
unerläßlich gelten, auch wenn sich für einige davon bereits die Krise am
Horizont abzeichnet. Leider gibt es unseres Wissens keine Untersuchungen über
den Zusammenhang zwischen dieser Krise am Horizont und dem Ende des
Patriarchats. Diesbezüglich ist auch die feministische Forschung zurück
geblieben.
Die Befürchtung, das Patriarchat könnte bei
seinem Untergang auch Institutionen mit sich in die Tiefe reißen, die für ein
Minimum an gesellschaftlicher Ordnung noch unerläßlich sind, so daß Chaos, eine
reaktionäre Wende oder falsche Widerstände entstehen, ist also durchaus
berechtigt. Im positiven wie im negativen Sinn ist die westliche Kultur - von
der sprechen wir hier, da wir sie von innen heraus kennen - weitgehend der
männlichen Sexualität verpflichtet. Aber ist die männliche Sexualität deckungsgleich
mit dem Patriarchat? Ist die Männlichkeit wirklich durch den Verlust der
sexistischen Herrschaft und der Kontrolle über die Gebärfähigkeit gefährdet?
Das ist unserer Meinung nach heute die wichtigste Frage in unserer Kultur und
demzufolge auch in der Politik. Wir sprechen nicht mehr vom Feminismus, der in
diesem Punkt, wie bereits gesagt, zurückgeblieben ist - wie im Zauberbann der
Vorstellung von einer ewigen Benachteiligung der Frau gefangen. Stattdessen sprechen
wir von der Politik der Frauen, die wir mit Politik gleichsetzen, da es heute
die Frauen sind, die - mehr als die Männer - die schwierigsten Aufgaben und die
grundlegendsten Widersprüche der sich wandelnden Gesellschaft in Angriff
nehmen. Die Politik der Frauen (damit meinen wir nicht bestimmte Gruppen,
Projekte oder Organisationen, sondern ein Handeln gemäß der freien
Interpretation der weiblichen Differenz) kennt das Problem der Beziehung zu
Männern. Das ist aber kein soziologisches oder psychologisches Problem, sondern
eine radikale Frage über das Begehren, über die Geschlechterdifferenz und ihre
Beziehung zur Herrschaft.
Einige Männer, auch in Italien, haben
angefangen, nach praktischen Möglichkeiten einer Befreiung der männlichen
Sexualität von den Formen der Herrschaft zu suchen. Wir möchten hier den
Engländer Victor Seidler mit seinem Buch Rediscovering masculinity
zitieren, der sich schon sehr früh und sehr eingehend mit diesem Thema
auseinandergesetzt hat. Ein männliches Begehren, das nicht solidarisch mit der
Herrschaft ist - wir wissen, daß es das gibt, weil wir ihm begegnet sind und
weil wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, daß das Begehren an sich eine
anarchische Macht ist, die der Geschichte und jeder Form von Zugehörigkeit, auch
der Geschlechtszugehörigkeit, vorausgeht. Wir werden es also riskieren, auch zu
Männern politische Beziehungen herzustellen - zu denen, deren Begehren nicht
(mehr) der patriarchalen Ordnung verpflichtet ist, zu denen, deren Männlichkeit
sich jenseits des Konkurrenzkampfes um Macht und Vorherrschaft ausdrückt; zu
denen, die die männliche Differenz frei interpretieren.
Es dürfte wohl deutlich geworden sein, daß die
männliche Differenz nicht in Analogie oder Symmetrie zur weiblichen in unsere
Überlegungen eingegangen ist. In der Beziehung zwischen den Geschlechtern gibt
es historisch gesehen keine Symmetrie. Sie anzustreben ist unserer Meinung nach
ein vergebliches Unterfangen: Die Beziehung zwischen den Geschlechtern wird
immer asymmetrisch bleiben, das heißt es gibt keine Spiegelung (höchstens als
Illusion) und keine Gegenseitigkeit (höchstens eine beschränkte). Die männliche
Differenz ist in unseren Überlegungen aufgetaucht wie eine Entdeckung, von der
wir, die sie gemacht haben, nicht sagen könnten, ob sie durch unseren Wunsch
ins Leben gerufen wurde oder ob sie schon von sich aus lebt.
Das bedeutet natürlich, dem anderen Geschlecht
einen Kredit einzuräumen, den der Feminismus ihm nicht gewährt hatte. Dagegen
kann es sehr begründete Einwände geben: Viele Frauen haben eine Lebensform
gewählt, in der sie sich ausschließlich auf Frauen beziehen und die Kontakte
mit den Männern aufs Notwendigste beschränken; für einige war das eine bewußte
politische Entscheidung. Diese Frauen sagen: »Unser Leben ist heute eindeutig
besser. Wir haben mehr Zeit, mehr Sicherheit, mehr Energie, mehr Freiheit. Die
Beziehungen mit anderen Frauen haben unsere Intelligenz geschärft und unsere
Autonomie gefördert. Als wir feststellten, daß die Männer für uns überflüssig
geworden waren, war das ein tolles Gefühl.« Dazu läßt sich noch mehr sagen:
Gerade in der Beziehung zwischen einer Frau und einer anderen entsteht die
freie Interpretation der weiblichen Differenz, denn sonst gäbe es nur die
Spiegelung im Anderen, und wir könnten nicht von weiblicher Freiheit sprechen.
Es ist wohl auch kein Zufall, daß die Praxis der separaten Treffen, die
typischste der feministischen Praxisformen, mittlerweile auch unter
Nicht-Feministinnen weit verbreitet ist und von verheirateten oder zumindest an
Männer gebundenen Frauen geteilt wird. Auch sie spüren das Bedürfnis, sich
separat mit Frauen zu treffen, um manches besser zu verstehen, um selbständige
Entscheidungen zu treffen oder um einfach einmal richtig zu lachen.
Aber die Fragen betreffen nicht nur das andere
Geschlecht. Sie betreffen auch (vor allem?) die weibliche Differenz und ihre
tatsächliche Bereitschaft, sich einzubringen, das heißt ein Risiko einzugehen,
sich zum Ausdruck zu bringen, sich eigenen Wert zuerkennen zu lassen. Viele
Frauen ziehen es vor, Gleichheit und Rechte einzuklagen, eine neutrale oder
männerorientierte Sprache zu sprechen, anstatt ihr Eigentlichstes, ihr
Frausein, »nach außen zu bringen«. In der Geschichte der Menschheit, die die
Geschichte der Männer zu sein scheint, gibt es zweifellos viele Übergriffe
seitens der Männer, aber es gibt einen - vielleicht nicht unbedeutenden -
Anteil weiblichen Widerstandes gegen den offenen Ausdruck der Differenz - so
als würde es manchen Frauen widerstreben, sich symbolisch von der eigenen Unmittelbarkeit
zu lösen, »von sich selbst auszugehen«, auch im Sinne von los-gehen.
Der Widerspruch betrifft uns also ganz direkt.
Wir wissen, dass an einem bestimmten Punkt die Energie, die durch die Praxis
der separaten Treffen freigesetzt worden war, gebremst wurde. Sie trug nicht
mehr dazu bei, dass sich das Wissen und die Praxisformen der Frauen in anderen
Kontexten ausbreiteten. Die »Gemeinschaft der Frauen« zog sich auf sich selbst
zurück, im Glauben, sich selbst zu genügen. Was vorher eine sich immer weiter
ausdehnende Spirale war, wird nun zu einem geschlossenen Kreis und bringt das
Risiko einer »Implosion« des weiblichen Begehrens mit sich. Doch ein Handeln
wie das unsrige, das seinen Ausgangspunkt im Begehren, in der Leidenschaft hat
und dem es widerstrebt, die Welt im Rahmen einer vorgegebenen sozialen Ordnung
aufzuteilen, ist dazu bestimmt, die Welt zu erobern. Die Arbeit jener
Vermittlerinnen, die es in die Zwangsjacke der herrschenden Diskurse stecken
wollen, ohne mit dem Bestehenden zu brechen, ohne etwas zu riskieren, nützt ihm
nichts. Noch weniger nützt ihm die »Reinheit« derjenigen, die es im
abgeschlossenen Raum kultivieren, ohne eine Auseinandersetzung zu wagen, ohne
es nach außen zu tragen.
Ein griechischer Mythos über den Ursprung des Patriarchats
- Äschylos verarbeitete ihn in den Eumeniden - berichtet, dass Phoebe,
Tochter der Erde, der Großen Mutter, die Orakelkraft an Phoebos (Apollo
Phoebos) als Geburtsgeschenk weitergab. Diese Macht war bisher immer nur von
Mutter an Tochter weitergegeben worden. Die Frau Göttin ließ den Mann an der
Göttlichkeit teilhaben, so wie sie ihn an der Fortpflanzung hatte teilhaben
lassen, als sie ihm enthüllte, dass die Erzeugung des Lebens keine rein
weibliche Macht war. Mit Phoebes Geschenk erhielt der Mann also neben der
Möglichkeit, Leben zu zeugen, auch die Möglichkeit, Symbole zu erzeugen.
Doch diesen prähistorischen Wetteinsatz haben
die Frauen verloren: Apollo nahm das Geschenk und bog es nach seinen Interessen
zurecht. So begann das Gesetz des Vaters. In den Eumeniden wird der
Muttermörder Orestes freigesprochen mit der Begründung: »Nicht die Mutter ist
Erzeugerin dessen, was ihr Sohn genannt wird; sie nährt lediglich den Samen,
der in ihr gesät wird«. Gestärkt durch dieses Gesetz, schwärmten die Männer
aus, um überall ihre Phallussymbole zu errichten und das Patriarchat
aufzubauen. Doch heute, wo diese Symbole am Zerbröckeln sind - Kunst und Kino
zeigen das auf deutliche Weise - scheint uns der Zeitpunkt gekommen, um diese
Wette erneut zu wagen.
Das Allgemeine als Vermittlung Vor zirka zehn Jahren formulierte die
französische Philosophin Luce Irigaray, die für den italienischen Feminismus
eine bedeutende Rolle gespielt hat und mit ihrer Philosophie der sexuellen
Differenz auch international bekannt ist, eine wichtige Idee: das Allgemeine
ist Vermittlung. Was heißt das? - Das heißt, dass Unterschiede, Distanzen
und Konflikte keine Trennung bedeuten, wenn man zur Vermittlung bereit ist; und
dass es, mit einer Vermittlung nach der anderen, keine Barrieren gibt, die den
Austausch, das Wissen, die Liebe aufhalten können. Demzufolge ist es weder
notwendig, das transzendentale Eine zu postulieren noch den Pluralismus zu
verabsolutieren. Mit dem/der anderen, mit dem Anderen von uns, in uns und
außerhalb von uns verbindet uns der Austausch, der durch eine vermittelnde
Beziehung ermöglicht wird. Alles andere bedeutet Gewalt oder Zwang oder
Konfusion - und Leiden. Als Medium können die Sinne dienen oder
körperliche Nähe oder Arbeit oder Zahlen oder Liebe... und vor allem die
Sprache. Auch der Konflikt ist eine Form der Vermittlung, die zu einem
fruchtbaren Austausch führen kann - wenn er in Worte gefaßt wird, wenn er nicht
durch Schweigen oder Falschheit gekennzeichnet ist. Das gilt für die Beziehung
zu anderen Menschen, Frauen und Männern, aber auch zu der Welt in ihrer
Gesamtheit. Ohne Vermittlung erscheint uns auch die ganze Welt fremd und
feindlich - oder noch schlimmer, eng und armselig.
Der Idee vom Allgemeinen als Vermittlung möchten
wir noch eine weitere hinzufügen, die sich nicht bei Luce Irigaray findet,
sondern bereits von Carla Lonzi vorweggenommen wurde, und zwar in ihrem
berühmtesten Text, Sputiamo su Hegel (1970; dt. Titel: Wir pfeifen
auf Hegel), und später auch von der Philosophinnengemeinschaft »Diotima«
aufgegriffen wurde. Wir formulieren diese Idee zunächst negativ, danach werden
wir zeigen, was sie an Positivem beinhaltet. Einige von uns haben die Auffassung
geäußert, dass eine Vermittlung der Geschlechterdifferenz nicht möglich ist.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es zwischen einer Frau und einem Mann in
Fleisch und Blut kein Medium geben kann, wie etwa den Plan, zusammenzuleben und
ein Kind oder auch mehrere zu bekommen; oder der Glaube an denselben Gott oder
das Engagement für ein gemeinsames Ziel oder gemeinsame Ferien. Aber was es
auch immer sein mag, dieses Medium wird immer partiell bleiben, etwas
Wesentliches bleibt immer ausgeschlossen - eben aufgrund der Differenz des
Frau- und Mannseins. Für alle Differenzen, seien sie durch Kultur, Charakter,
Interessen oder Altersunterschiede bedingt, gibt es, so meinen wir, zumindest
theoretisch eine Vermittlung - nur für eine nicht: die Geschlechterdifferenz.
Sie ist irreduzibel, denn sie gehört zum Körper in seiner unüberwindbaren
Opazität. Deshalb ist die Rede von der Komplementarität zwischen Frau und Mann
falsch; es kann zwar Komplementarität geben, doch ist sie sehr beschränkt. Um
es in den Begriffen der Linguistik auszudrücken: Die Geschlechterdifferenz
nimmt beim Menschen, je nach Kultur und Kontext, viele verschiedene Bedeutungen
(Signifikate) an, aber im Grunde hört sie niemals auf, ein unerschöpflicher
Signifikant zu sein.
Wenn es zwischen einem Mann und einer Frau, die
sehr vieles miteinander geteilt haben, zu einem Konflikt kommt, wird diese Idee
konkret faßbar: Die beiden stellen nämlich verblüfft fest, dass sie gemeinsam
zwei verschiedene Leben gelebt haben. Aber unsere These soll allgemeineren
Charakter haben. Die Differenz besteht auch, wenn die beiden in trautem
Einklang leben - selbst in diesem Fall bleibt eine Seite ihrer Kommunikation im
Dunkeln, wie eine Seite des Mondes. Aber ist das Medium zwischen den
Geschlechtern nicht der Mensch? Richtig - vorausgesetzt, wir gehen davon aus,
dass der Mensch nichts anderes ist als Frau/Mann. Der Mensch ist Identität und
Differenz, die in einer Kreisbewegung miteinander verbunden sind. In anderen
Worten, der Mensch ist die Notwendigkeit der Vermittlung, die wir,
eingeschrieben in die sexuelle Differenz, nicht ohne Ängste mit uns
herumtragen. Vielleicht liegt der Urgrund der Misogynie, des Hasses der Männer
auf die weibliche Differenz, eben hierin: in der Weigerung, sich der
Notwendigkeit der Vermittlung zu beugen. Und etwas Ähnliches ließe sich
vielleicht auch über den »Traum von der großen Liebe« bei vielen Frauen sagen.
Wie lange noch?
Aus diesem Grunde zerfällt die Kultur - die von der symbolischen Arbeit
der Vermittlung lebt -, wenn der menschliche Maßstab in der
Geschlechterdifferenz verschwindet. Im Zusammenhang mit dem »seltsamen Krieg«,
der das ehemalige Jugoslawien heimsuchte, wurde von verschiedenen Seiten
festgestellt, dass das wilde und äußerst dumme Kriegstreiben der Männer vom
Schweigen der Frauen begleitet war. In Fällen wie diesem letzten Krieg drängt
sich, was Zivilisationsarbeit anbelangt, der Gedanke an die mühsame Arbeit der
Penelope auf: Sie verbrachte ihre Tage damit, ein Tuch zu weben, das immer
wieder aufgetrennt wurde. Uns ist aus der Antike keine Tragödie Penelope
überliefert, und doch gibt es keine tragischere Darstellung der menschlichen
Zivilisation - heute besitzt sie sogar noch mehr Ausdruckskraft und Wahrheit
als in der Antike. Betrachtet man die drei europäischen Kriege des 20.
Jahrhunderts, so läßt sich feststellen, dass die Zivilbevölkerung zunächst
minimal und am Ende total einbezogen wurde: Im ehemaligen Jugoslawien vermieden
es die Männer tunlichst, sich gegenseitig zu bekämpfen; stattdessen nahmen sie
die Zivilbevölkerung ins Visier und zerstörten alles, was hauptsächlich die Frauen
in alltäglicher Zivilisationsarbeit geschaffen hatten. Diese Logik führte
schließlich auch zur planmäßigen Vergewaltigung des gebärfähigen weiblichen
Körpers. Das hätten - um beim Mythos von Penelope zu bleiben - jene, die zu ihr
ins Bett wollten, nicht gewagt. Ein weniger extremes Beispiel liefert uns der
Arbeitsmarkt: Heute ist er, laut der Terminologie der
Wirtschaftswissenschaftler, flexibel geworden. In der Praxis heißt das: er ist
so stark zugunsten des Kapitals und zuungunsten der Arbeitskräfte ausgerichtet,
er ist so unzugänglich für die Arbeitssuchenden geworden, daß sich Männer und
Frauen, vor allem die jüngeren, die ihre erste Stelle suchen, extreme Sorgen
machen.
Es ist also praktisch unmöglich geworden - und
wäre daher auch falsch -, die Tätigkeit der Frauen weiterhin nach dem Modell
einer Teilung der symbolischen Arbeit zu konzipieren. Dieses Modell galt viel
leicht zu Penelopes Zeiten (das heißt: zu Zeiten unserer Mütter) noch, aber
jetzt gilt es nicht mehr, es ist zerstört. Dafür haben wir angeblich bereits
eine neue Situation: die Gleichheit der Geschlechter. Sie entstand in der
westlichen Welt (das sei hier besonders betont), nicht um das vorliegende
Problem zu lösen, sondern um die Logik des Rechtsstaates zu erfüllen. Bis zu
einem gewissen Punkt ist das auch eine richtige Lösung. Aber heute wird von
vielen Seiten versucht, sie als die Lösung des Problems zu verkaufen, das wir
hier stellen: Uns geht es um eine freie Interpretation der
Geschlechterdifferenz in der zivilisatorischen Arbeit. Und da wird die Rede von
Gleichheit eine zwanghaft zurechtgebogene Antwort. In Composing a life
schreibt Mary Catherine Bateson über sich und die anderen Frauen, mit denen sie
an dem Buch gearbeitet hatte: jede von uns hat, wenn auch in unterschiedlichem
Maße, aufgrund ihres Frauseins Diskriminierungen erfahren; jede von uns ist
manchmal weniger gleich behandelt worden, doch sind wir alle immer auf der
Suche nach Beziehungen, in denen die Differenz zum Ausdruck kommt, und fühlen
uns etwas desorientiert von der politischen Notwendigkeit, das
Gleichheitspostulat zu akzeptieren. Gleichheit bedeutet nämlich, so zeigt
Bateson, dass eine symmetrische Beziehung herzustellen ist, und eine
symmetrische Beziehung bedeutet Konkurrenz. Und Konkurrenz verhindert, dass nicht-kompetitive
Beziehungen und Praxisformen zum Ausdruck kommen, früher oder später
praktiziert und auf lange Sicht begriffen werden können - gerade jene
Beziehungen und Praxisformen, die das Zusammenleben menschlich und die
Gesellschaft zivil machen. Die extrem hohe Arbeitsbelastung der Frauen in
Ländern wie Italien (die mit dem kulturellen und dem technischen Fortschritt
keineswegs abnimmt) zeigt deutlich, in welchem Engpaß sich viele Frauen
befinden: auf der einen Seite der Konkurrenzkampf, um unabhängig zu sein, auf
der anderen Seite die seit alters her von den Frauen verrichtete
zivilisatorische Arbeit. Wie lange noch?
Die zivilisatorische Arbeit der Frauen, die
bisher schon auf eine schwere Probe gestellt war, da sie eine untergeordnete
und quasi unsichtbare Rolle spielte (bevor Marc Bloch die Schule der Annalen
gründete, kam das Thema in der Geschichtsschreibung überhaupt nicht vor), wird
in Zukunft ganz verschwinden. Situationen wie im ehemaligen Jugoslawien und
auch der Arbeitsmarkt werden dazu beitragen, dass dieses Werk verschwindet -
unter Gewaltanwendung oder mit Zustimmung, wenn es nicht als politisch relevant
erkannt (das heißt öffentlich und bewusst) wird, und zwar von Frauen (und Männern),
die um die Bedeutung der weiblichen Differenz wissen. In einem Wort, wenn es
nicht zur weiblichen Autorität wird. Heute gibt es die weibliche Differenz
im Sinne einer Spezifizierung der Menschheit - das vielzitierte »spezifisch
Weibliche« - nicht mehr, wer oder was es auch immer zum Tode verurteilt hat.
Von nun an kann die weibliche Differenz vom Nordpol bis zum Südpol, von New
York bis Peking all das bedeuten, was Menschsein ist: eine Differenz, die
Symbolisches schafft, sie kann Frauen wie Männern zum Bewusstsein ihrer selbst
verhelfen und schizophrene Dualitäten aufheben, die seit dem Mythos des
universellen Menschen um sich gegriffen haben. Natürlich nicht alle
Schizophrenien oder Entfremdungsmechanismen der menschlichen Geschichte, aber
doch eine beträchtliche Anzahl, angefangen mit der zwischen Natur und Kultur,
bis hin zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Dabei ist jeweils eine spezifische
historische Analyse erforderlich, ebenso wie das Bewusstsein, dass es ohne
Symbolisches kein Reales gibt und ohne Vermittlung keine Welt.
Aber weshalb weibliche Vermittlung? -
Dieser Einwand kommt von den Systematikern, die die Vorstellung vom
universellen Menschen aufgegeben und sie durch die einer sich spiegelnden
Dualität Männer und Frauen / Frauen und Männer ersetzt haben. Das systematische
Denken liebt Symmetrien mehr als die Geschichte - die eben nicht symmetrisch
ist. »Weibliche Autorität« ist eine historische Antwort. Die
Geschlechterdifferenz setzt die Notwendigkeit der Vermittlung in Gang, gibt
aber keine Antwort. Die Antworten gibt die Geschichte; sie lassen sich nicht
ableiten. »Weibliche Autorität« ist der Name, den wir als Antwort auf die
brennendste Frage gefunden haben, die eine Gesellschaft stellen kann - die
unsere Gesellschaft stellt -, und zwar die Frage, was zu tun ist, damit die
Arbeit der Vermittlung nicht aufhört.
Wenig plausibel, aber dringend Autorität ist ein Wort, das wenig und
schlecht benutzt wird. Oft wird es mit Macht verwechselt. Es ruft Phantasien
und Protest hervor. Im Italienischen zieht man gegebenenfalls den Begriff der
»autorevolezza« oder andere Wendungen vor. Von Autorität zu sprechen ist also
wenig plausibel. Trotzdem ist es notwendig, damit anzufangen, wenn wir
bedenken, dass das Werk der Vermittlung - nicht der besänftigenden, sondern der
objektivierenden und beziehungsstiftenden Vermittlung - Sinn für Autorität
erfordert. Andernfalls siegt die Macht oder, seitens der Machtlosen, der
Rückgriff auf Gewalt. Oder - vor allem bei Frauen - das Schweigen und die
Krankheit.
Wir haben die Autorität durch die Politik des
Symbolischen wiederentdeckt, durch eine Politik also, die von
Bewußtwerdungsprozessen und von Beziehungen ausgeht. Aber wir haben sie in
einer praktisch neuen Form entdeckt. Die alten Formen der Autorität
implizierten eine Hierarchie. Die Philosophin Hannah Arendt, die bereits in den
sechziger Jahren über dieses Thema reflektierte (in einer politischen
Perspektive, so wie wir hier), vertrat die Auffassung, Autorität und Hierarchie
gingen Hand in Hand. In diesem Punkt stimmen wir nicht mit ihr überein. Genauer
gesagt: Wir finden, sie hat recht, aber nur im begrenzten Rahmen der Kulturen
und Organisationen, wo die symbolische Ordnung von der sozial festgelegten
Ordnung abhängt. Wie etwa in den von Hannah Arendt untersuchten Gesellschaften
der Antike oder in vielen religiösen Organisationen (wie der katholischen
Kirche) oder, so scheint es, auch in der heutigen Kultur Japans. Wir haben die
Autorität als symbolische Qualität der Beziehungen, als Figur des
Austausches entdeckt (oder erfunden?). Das heißt, niemand ist »die Autorität«;
denn Autorität zeigt sich in der dynamischen Zunahme der vermittelnden
Beziehungen. In den Abkommen zwischen Männern gibt es immer ein Drittes (der
Staat, die Gesetze), das den beiden Parteien die Macht verleiht, alles andere
auszuschließen. Auch in den Beziehungen, über die wir hier reflektieren, gibt
es ein Drittes, und zwar die symbolische Ordnung der Mutter, die nichts
ausschließt. So entsteht ein Übereinkommen ohne jeglichen Ausschluß: dieses
Verhältnis ist offen für alle, denn seine Existenz hängt von der Vervielfachung
der Beziehungen ab. Das bedeutet einen qualitativen Sprung im Vergleich zum
herkömmlichen Bild: An die Stelle einer Welt, die über äußere Zeichen definiert
ist (den Lehrstuhl, das Richteramt, die Kanzel, die Unterschriftsbefugnis usw.)
tritt nun die Sprache, die die Welt fließend und beweglich und die Bedeutung
der Dinge ständig aushandelbar macht. Die Wirklichkeit ist nämlich keineswegs
festgelegt - außer wenn wir die Hoffnung verlieren, am Abenteuer ihrer
Interpretation und Veränderung teilhaben zu können.
In einfachen Worten: Was wir sagen und tun, soll
Autorität in die Tauschbeziehungen bringen, so dass der Sinn des persönlichen
und des gemeinschaftlichen Lebens nicht verlorengeht oder zerstort wird. Wo
Autorität fehlt (eine recht verbreitete Erfahrung, wenn man etwas nach denkt),
gewinnt die Frage der Macht die Oberhand - die Eroberung der Macht, der
Wettlauf um die Macht, und der eigentliche Grund des Unternehmens tritt immer
mehr in den Hintergrund, bis er schließlich überhaupt nicht mehr klar ist.
Denken wir nur, um ein Beispiel zu zitieren, an die Machtspiele, die sich wie
ein Geschwür in die Universität eingefressen haben: Die Forschung und die
Ausbildung der jungen Leute sind dadurch ernsthaft beeinträchtigt - alles ist blockiert
aufgrund endlos langer Prozeduren, und die Berufung der Dozenten ist nahezu
lahmgelegt.
Die feministische Geschichtsschreibung hat dazu
beigetragen, dass weibliche Autorität in der Vergangenheit - wenn auch in den
von der patriarchalen Kultur auferlegten Grenzen - sichtbar gemacht wurde.
Diese Grenzen haben sich heute aufgelöst oder sind dabei sich aufzulösen. Heute
hat die weibliche Autorität gegen die Vorstellung der Gleichheit
anzukämpfen. Diese ist in den letzten Jahren zur einzigen Antwort geworden, die
die herrschende politische Kultur auf die Frage der Differenz zu bieten hat.
Diese Antwort vermindert die ursprüngliche Bedeutung der Geschlechterdifferenz
und die politische Bedeutung der Frauenbewegung, denn sie unterstellt dieser
das Streben nach Gleichheit zwischen Frauen und Männern. - Eine schmeichelhafte
Vorstellung für Männer, die Schwierigkeiten haben, eine bequeme Idee für alle,
die sich nicht mit dem Widerspruch der Differenz auseinander setzen wollen: sie
funktioniert automatisch. So läßt sich aus der fehlenden Präsenz von Frauen mit
Hilfe des Passepartout-Begriffes »Diskriminierung« ableiten, dass die Frauen um
jeden Preis präsent sein wollen. Wieso denn, bitte sehr? Warum zieht man nicht,
wenigstens als Hypothese, die Idee in Betracht, dass die Frauen einfach andere
Präferenzen setzen, sich für etwas anderes entscheiden, lieber anderswo sind?
Wo-anders als im Parlament, als in der Militärakademie, den Boxringen,
den Fakultäten für Maschinenbau, der Börse, dem Henkerberuf oder dem höchsten
militärischen Rang? Jeden Tag, wenn eine Frau die Zeitung aufschlägt - vor
allem wenn es ein linke Zeitung ist -, muß sie damit rechnen, dass man sie
darauf reduziert, kein anderes Ziel, keinen anderen Maßstab als die Gleichheit
mit dem Mann zu kennen. Es mag ja noch angehen, wenn solche Kommentare von
Mitgliedern der diversen Gleichstellungskommissionen unter der Regie des
»Staatsfeminismus’« kommen - schließlich wurden sie zu diesem Zweck eingesetzt,
auch wenn es schade ist, dass das Geld der Steuerzahler und -zahlerinnen so
schlecht verwendet wird. Schlimm wird die Sache aber, wenn sich auch
unabhängige und mutige Denker dafür hergeben, wie etwa Leonardo Boff, ein
herausragender Vertreter der Befreiungstheologie. Er scheint davon überzeugt
(ist er in diesem Punkt von Nordamerika kolonisiert?), dass der Horizont der
Frauen mit der berühmten Gleichheit aufhört. »Alle Gründe sprechen dafür«, so
schreibt er in der linken Tageszeitung Unitá (11. 9. 95), »den Frauen den gleichen Wert wie den
Männern zuzuschreiben.« - Nein danke, wir haben einen anderen Maßstab im Kopf.
Anstelle des lch/Wir/Sie Was haben wir im Kopf? Nicht die
Gleichheit, aber ebensowenig ein neues Weltbild oder neue Werte. Wir besitzen
die Erfahrung einer Praxis, der Praxis der Beziehungen, und haben den Anspruch,
mittels dieser Praxis die Welt zur Welt zu bringen (so der Titel eines
Buches der Philosophinnengemeinschaft »Diotima«). Wer Beziehungen pflegt, um
bestimmte Ziele oder Interessen zu verwirklichen - ob eigene oder fremde, ob
edle oder unedle -, ist von unserem Denken weit entfernt. Um diesen Gedanken in
all seiner Radikalität zum Ausdruck zu bringen, wollen wir die Worte einiger
Schriftstellerinnen aus dem 13. Jahrhundert zu Hilfe nehmen: Sie sagten, Gott
entstehe eben aus ihrer Beziehung zu Gott. Ist das nicht absurd? Ist das nicht
ein absurder Zirkelschluß? (circulus vitiosus). - Nein, es ist eine
paradoxe, tiefgründige und meisterhafte Kreisbewegung (circolo virtuosus)
- vorausgesetzt, wir nehmen nur deine und meine Präsenz im Hier und Jetzt zum
Ausgangspunkt. Wir gehen also von den Beziehungen aus, die wir sind, und von
hier aus erobern wir alles andere. Wieviel? Soviel, wie die Stärke des
Begehrens und die Stärke der Beziehung ermöglicht, nie das eine ohne das
andere. - Wirklich? - Die Erfahrung sagt Ja.
Unser Engagement und unser politischer Kampf
bestehen darin, bei der Produktion von neuen Gedanken sowie im persönlichen und
gesellschaftlichen Leben die Beziehung an die erste Stelle zu rücken. In diese
Richtung gehen auch einige wichtige Strömungen des zeitgenössischen Denkens;
wir wollen hier wenigstens einen Namen nennen: Gregory Bateson, den Verfasser
von Ökologie des Geistes.
Die Praxis der Beziehung läßt sich auf
mindestens zwei verschiedene Arten deuten: Einmal als etwas, was an die Stelle
der Isolierung und der Einsamkeit tritt. Psychologisch gesehen ist das am
naheliegendsten, denn unsere Art von Gesellschaft produziert Isolierung und
Einsamkeit. Zweitens als etwas, was an die Stelle des »Wir« tritt. Wir ziehen
letztere Interpretation vor, denn sie impliziert eine Kritik der kollektiven
Beziehungen, eines Modells, das sich in unserer Gesellschaft immer mehr
durchsetzt - in gewisser Hinsicht ein befriedigendes, ja zu befriedigendes
Modell. Die Beziehungen im Rahmen eines »Wir« erzeugen - gerade dann, wenn sie
gut funktionieren - das Gefühl, sich selbst zu genügen und sich gegenseitig zu
bestärken. Dadurch wird die Notwendigkeit der Vermittlung abgeschwächt, und das
Bedürfnis, sich mit denen zu messen, die nicht »Wir« sind, geht nahezu
verloren. Die junge Simone Weil nannte dies das Gefühl einer »wunderbaren
Übereinstimmung« und fügte gleich hinzu, am Ende liebe man nur noch dieses
Gefühl - ihrem scharfen Kommentar zufolge der Ursprung »aller Kriege«. Eine
herbe, aber deutliche Schlußfolgerung. Es gibt ein tiefes Bedürfnis danach,
»Wir« sagen zu können, ja, es in vollen Zügen zu genießen (es genießen, eins zu
sein mit der Mutter, mit Gott!). Das zeigt sich auch an dem Genuss, den
bestimmte schöne Dinge des Lebens bereiten, wie die Musik, die Harmonie der
Saitenklänge, der Klang einer Saite, die durch eine andere in Schwingung
versetzt wird. Wie ließe sich das verurteilen? Und doch ist dieses Gefühl
zweischneidig, wie Simone Weil ahnt, und die Geschichte beweist das auch. In
der Tradition der westlichen Welt hat das »Wir« sehr verschiedenartige Formen
angenommen: von der Verwandtschaft bis zur Nation (oder Ethme), von der
religiösen Vereinigung bis zur politischen Partei, von der Armee bis zum
Fußball-Fanclub, vom Dorfklüngel bis zum Staat. Einige dieser kollektiven
Identifikationen sind in eine Krise geraten; sie lösen sich auf oder »drehen
durch«. Heute befinden sich die großen Zusammenschlüsse in einer generellen
Krise. Allerdings muß gesagt werden, dass die Frauen auch vor dieser Krise fast
nie dazugehörten - nicht nur deshalb, weil man sie ausschloß. Manche behaupten,
sie seien ausgeschlossen worden, weil sie darüber lachten. Das weibliche »Wir«
ist anders: Mit dem Feminismus, ja, noch vorher, mit den Massenorganisationen
der Frauen, entstand ein sehr elementares »Wir«: »Wir Frauen« - in seiner
Unbestimmtheit sicher dem männlichen Blick verpflichtet, aber frei von jedem
Gefühl der Minderwertigkeit und mit Stolz eingefordert. Später kamen
Schlagworte wie »weibliche Geschlechtszugehörigkeit« und »Geschlechtsidentität«
auf. Die Frauenbewegung hat sich allerdings nie als ein großes »Wir«
dargestellt; das für den Feminismus typische »Wir« war das »Wir« der Gruppe.
Bis in den achtziger Jahren einige Frauen eine Kritik am Gruppen-»Wir« zu
formulieren begannen, und dank dieser Kritik wurde der Beziehung, die in der
feministischen Praxis ja bereits die zentrale Rolle spielte, jene Radikalität
zuteil, von der wir eingangs sprachen.
Die Kritik nahm mit der Entdeckung der
Ungleichheit innerhalb der Gruppe ihren Anfang. Wir entdeckten, dass wir nicht
alle gleich sind, was eigentlich allgemein bekannt ist (auch wenn es niemand
sagt). Wir entdeckten, dass es beim effektiven Handeln das Mehr und das
Weniger ist, das die Dinge in Bewegung setzt, und nicht das Gleiche. Erst
das Ungleichgewicht setzt das Begehren in Bewegung. Damit hatten wir das
entdeckt, was wir später symbolischen Materialismus nannten. Für die gängige
Politik existiert nur der ökonomische Materialismus, der gegebenenfalls durch
die Berufung auf ethische Werte ergänzt wird. Damit übergeht sie das
symbolische Tier, das heißt den Menschen mit dem, was seine größte Kreativität
ausmacht. Wir halten es für eine idealistische Vorstellung, den
Ungleichgewichten und Ungleichheiten des sozialen Lebens mit dem
Gleichheitsprinzip begegnen zu wollen; die Gleichheit ist zwar eine große
kulturelle Idee, aber niemand wünscht sie sich wirklich. Wenn diese Idee
wirksam wird, so geschieht das normalerweise deshalb, weil sie Neidgefühle wachwerden
ließ - und das ist sicher kein gutes Vorzeichen für die Qualität der sozialen
Beziehungen.
Als wir die Dynamik der Ungleichheit entdeckten,
fragten wir uns, wie wir sie nutzen konnten - um der Dynamik selbst willen,
nicht zu einem bestimmten Zweck, sondern als reichere und freiere Form des
Lebens, anstatt sie in Form von Neid oder Ressentiments unnütz zu
verschleudern oder sie in fremdbestimmte Mechanismen wie die repräsentative
Demokratie oder die Aktienbörse zu zwängen. Und so haben wir die Beziehung
gefunden, die an die Stelle des »Wir« tritt. Das ist keine wirklich neue Art
von Beziehung; es ist eine jener Beziehungen, die es jedem Menschen
ermöglichen, auf die Welt zu kommen und dort zu bleiben und für dieses Kommen
und Bleiben einen Sinn zu finden. Aber jetzt weist diese Form von Beziehung
eine bislang ignorierte oder wenig beachtete Modalität auf, nämlich die
Notwendigkeit der Verhandlung, die durch das Ungleichgewicht des Begehrens
erzeugt wird. Heutzutage redet man viel über das Recht auf Leben und über
Menschenrechte -vielleicht eine Reaktion auf einen zu »lockeren« Umgang mit dem
Leben, aber die Schlagworte Recht auf Leben und Menschenrechte bringen nicht
zum Ausdruck, dass das Leben und die Menschheit nur durch ständiges Verhandeln
zu retten und zu erneuern sind. Das läßt sich gut am Beispiel der Kinder
nachweisen: wehrlos, bedürftig, immer bereit, alles gratis zu bekommen, aber
ebenso bereit zu verhandeln und zu bezahlen, wenn das, was sie brauchen, nicht
gratis kommt.
Der Unterschied ergibt sich aus der Höhe des
Verhandlungseinsatzes. Die Beziehung, die an die Stelle des »Wir« tritt, setzt
dem durch die Verhandlungen zu erreichenden potentiellen Gewinn keine Grenzen
-, das Gewonnene wird einfach erneut eingesetzt, für ein Mehr, das mehr ist als
das Mehr. In den Biographien der Frauen, die wir als große Frauen betrachten,
finden wir viele Beispiele für einen solchen erneuten Spieleinsatz, hinter dem
eine immer differenziertere und kühnere Verhandlungsführung steckt. Dabei geht
es natürlich nicht nur um die Höhe des angestrebten Gewinns. Es geht gleichzeitig
auch darum, wieviel man im Verhältnis dazu bereit ist wegzugeben. Manche
weniger wohlhabende Menschen glauben, die Armut hindere sie an großangelegten
Verhandlungen. Welch ein Irrtum! Durch schrittweises Vorgehen läßt sich schon
viel erreichen. Doch ein echter qualitativer Sprung in der Verhandlung findet
dann statt, wenn ich alles auf den Markt bringe - nicht nur das, was ich habe,
sondern diejenige, die ich bin (denke, glaube, will, wünsche, fühle). Das
heißt, die ganze Welt, denn »mein« Sein ist nichts anderes als ein Ausdruck -
ein partieller, aber nicht abzutrennender Ausdruck - der gesamten Welt. Alles
läßt sich auf den Markt bringen: Freundschaften, Liebschaften, Ehrgefühle,
Glauben, Neigungen, Gelassenheit... Was für ein Horror, mögen hier manche
sagen. Ein Horror ist das wirklich, wenn es um einen begrenzten Markt, um
bescheidene Transaktionen geht. Wir reden hier aber von der Verhandlung als dem
Brennpunkt der vermittelnden, nicht instrumentellen Beziehung - der Beziehung,
besser gesagt, der Beziehungen, die uns so sein, fühlen und sprechen lassen,
wie wir sind, fühlen und sprechen. Wir reden hier vom ursprünglichen
Austausch, dem, der am Ursprung der Welt steht, und schlagen vor, auch
diese Ebene von Austausch zu aktivieren, und wir behaupten zu wissen, wie das
geht.
Wir wissen das aufgrund einer Erfahrung, die wir
bereits andeuteten: Die Frauen begeben sich heute zwar auf den Arbeitsmarkt,
aber sie unterwerfen sich seinen Maßstäben nicht völlig; sie messen diese
wiederum an anderen, innerhalb und außerhalb der Arbeitswelt. Die derzeitige
Revolutionierung im Leben der Frauen wäre nicht möglich gewesen ohne diese
differenzierte Verhandlungsführung: hier geht es nicht nur um die Höhe des
Gehaltes oder um Spitzenpositionen, sondern um eine Gesamtheit von
Tauschbeziehungen, die alle Bereiche umfaßt: die Qualität der Arbeit,
emotionale Befriedigung und Erfordernisse der Zivilisation, wie etwa die
Zurückerstattung der Pflege an die alten Menschen. Deshalb sagen wir, dass die
Politik heute die Politik der Frauen ist. Wir können nicht in der Krise dieser
Jahrhundertwende, dieser Jahrtausendwende leben, ohne alles auf den Markt zu
tragen unsere Arbeitskraft, aber auch unsere Gefühle, unsere Erwartungen,
Neigungen, Bestrebungen... Wer von diesem Maßstab ausgeht, muß feststellen,
dass der vom Geld geregelte Markt nur ein halber Markt ist, der nicht
ausreicht, um all den Austausch zu ermöglichen, den sich ein Mensch wünscht und
zu dem ein Mensch fähig ist.
Der Ort der Freiheit Dazu ist jedoch eine differenziertere
Verhandlung als die in der herrschenden Politik erforderlich. Eine
differenzierte Verhandlung hat zwei Seiten: Zum einen die deutlicher sichtbare
mit der anderen Partei (Frau, Mann, Gegner, Freund, Institution, Macht...). Zum
zweiten eine weniger sichtbare, die aber nicht fehlen darf - die Verhandlung
mit sich selbst. Sie hat die Form einer einfachen Frage: Was bin ich bereit zu
geben im Tausch wogegen? Es ist unglaublich, was man alles einsetzen, was man
alles gewinnen kann, wenn diese innere Verhandlung gut geführt ist. Das Leben
wird zu einem wirklich freien Markt. Seinen Namen haben wir bereits genannt, es
ist das Symbolische. Selbst deine negativsten Gefühle kannst du einbringen wie
Neid oder Verdächtigungen: Ich bin bereit, sie wegzugeben im Tausch gegen...
wogegen? Gegen mehr Intelligenz, zum Beispiel. Das funktioniert. Aber es gibt
auch Hindernisse. Die Praxis der Beziehung gerät oft dann ins Stocken, wenn
eine Seite meint, die eigene Identität verteidigen zu müssen. Zu Unrecht
glauben manche, diese könne nicht in den Austausch eingebracht werden. Das
stimmt aber nicht - denken wir nur daran, wie wir sprechen gelernt haben: wir
haben unmittelbares Empfinden weggegeben im Tausch gegen Worte. Die kleinen
Menschenwesen sind große, extrem souveräne Händler: Sie geben sich weg und
bleiben doch unantastbar, denn niemand ist geschickt genug, um ihr Kalkül
vorwegzunehmen. So erneuern sie sich ständig und bleiben sich dabei selbst treu
- wie sonst niemand.
Solch eine Praxis der Beziehungen schafft
Freiheit. Rein funktionale Beziehungen hat es dagegen schon immer gegeben; die
Männer haben sie konzipiert und praktiziert, um die Gesellschaft aufzubauen, um
das Zusammenleben zu organisieren und Institutionen zu gründen. Die Frauen
haben eine Beziehung erfunden, die kein Ziel außerhalb ihrer selbst hat, und
die - um ihrer selbst willen - zum symbolischen Ort der menschlichen Existenz
wird. Dieses weibliche Wissen um die Beziehung könnte damit erklärt werden,
dass die Existenz einer Frau ihren Sinn aus der Differenz, das heißt aus der
Beziehung zur Mutter, erhält. Genau diese Beziehung und diese Differenz kommen
bei der Verhandlung mit sich selbst ins Spiel: du bist nicht allmächtig,
versuche, ein Maß zu finden, verschleudere deine Energien nicht unbedacht,
vermeide es, andere nachzuahmen, mache dich nicht kleiner oder größer als du
bist, suche einen Maßstab, der dir entspricht, den du selbst verkörpern wirst.
Manche finden das alles richtig, nur wollen sie
es nicht Politik nennen. Um Politik handelt es sich in ihren Augen erst dann,
wenn es um zahlenmäßig relevante Entscheidungen und um die dazu erforderliche
Macht geht. Dieser Auffassung sind auch Männer, die die Verwaltung des
öffentlichen Lebens keineswegs einer kleinen Gruppe von Zuständigen überlassen
wollen, sondern vielmehr die Massen einbeziehen und sie zu Protagonisten ihrer
Geschichte machen wollen. Aber dabei sehen bzw. berücksichtigen sie einen
Aspekt unserer heutigen Kultur nicht: In eine so verstandene Politik sind die
Massen bereits voll integriert; sie sind schon Protagonisten ihrer eigenen
Geschichte, denn sie wurden mit ihrem Einverständnis in den Zyklus von
Produktion und Konsum geschleust, und über ihre Lage sind sie - dank der
begierig aufgesogenen Kultur der Massenmedien - bestens informiert. Es ist
allerdings nicht zu leugnen, dass diese »Beförderung« mit wachsenden Ängsten,
mit einer zunehmenden symbolischen Verarmung und bei den jungen Leuten mit
einem starken Gefühl der Traurigkeit einhergeht. Aber man kann nicht behaupten,
dass sie auf ein Täuschungsmanöver hereingefallen wären, und ebensowenig, dass
hier irgendwo im Grunde doch ein genereller Wunsch nach Veränderung schlummere.
Nein. Wir meinen, es ist eher darauf zurückzuführen, dass der vorgegebene
Horizont für die größeren Möglichkeiten zu eng geworden ist. Und wir meinen,
dass sich dieser Horizont nicht öffnen kann - für verlockendere Ziele oder
faszinierendere Herausforderungen -, wenn jene Freiheit fehlt, die aus der
Fähigkeit zur Selbstveränderung entsteht - die ihrerseits ein Produkt des
Verhandelns mit sich selbst und des Verhandelns zwischen sich selbst und der
Welt ist. Das heißt, wenn das Spiel nicht neu eröffnet wird mit einem
veränderten Bewusstsein (dachte nicht auch Marx daran, viel mehr als an Macht,
Partei und Staat - all die Geschichten, die ihm später in den Mund gelegt
wurden?); ein verändertes Bewusstsein im Sinne einer freieren Verfügbarkeit
über den Reichtum, der uns aus unserer eigenen Geschichte - angefangen bei der
Kindheit - und unseren wichtigsten menschlichen Beziehungen erwächst.
Übrigens, wie kann man übersehen, dass eine
solche »Neueröffnung des Spiels« heute die politische Frage Nummer eins geworden
ist, angesichts der Widersprüche, in denen sich die sogenannte politische Macht
befindet? Die Macht, die weder wirtschaftliche noch ideologische Macht ist und
sich konstituiert aufgrund des allgemeinen Bedürfnisses nach einer Regierung,
das durch ein geregeltes Verfahren (wie Wahlen) zum Ausdruck kommt. Gibt es
heute noch eine so verstandene politische Macht? Wir fragen uns das, weil wir
sehen, dass sie unter der Übermacht der ökonomischen Imperative langsam
erstickt, dass sie blockiert ist durch Regeln, die entweder nicht gut, aber
nicht zu ändern sind oder die gut sind, aber nicht befolgt werden, dass sie
verdrängt und vielleicht bald ersetzt wird durch die ideologische Macht der
Massenmedien und dass die Jagd nach Wählerstimmen sie in die verschiedensten
Richtungen treibt. Wer Politik an rein numerischen Kriterien mißt und die
Möglichkeit politischen Handelns nur auf dieser Ebene sieht, macht sich unserer
Meinung nach Illusionen und nimmt nicht wahr, dass es auch ein politisches
Handeln gibt, das diesen Namen wirklich verdient. Ohne ein Verhandeln mit sich
selbst kommt nichts zustande. Fragt nur Nelson Mandela, der zu Recht als ein
Politiker ersten Ranges gilt und der jahrelang, wehrlos eingekerkert, für das
Zusammenleben der Schwarzen und der Weißen in Südafrika zu arbeiten wußte, bis
dieses als unerreichbar geltende Ziel erreicht war. Fragt die aus Gründen der
Vorsicht anonym bleibenden Vermittler und Vermittlerinnen, die immer direkt an
dem bißchen Frieden arbeiten, das ab und zu an die Stelle destruktiver
Konflikte tritt.
Die Beziehungen zwischen Menschen sind
bekanntlich immer der Probe des Konfliktes ausgesetzt. Gerade wenn es zum
Konflikt kommt, wird deutlich, dass die Fähigkeit zum Verhandeln mit sich
selbst einen politischen Charakter besitzt. Der Verhandlungsspielraum kann sich
manchmal nämlich als zu eng erweisen - vor allem für diejenigen, die ihrem
Mandat oder ihren Grundüberzeugungen nicht untreu werden wollen und nicht fähig
sind, sich selbst zu verändern, von der eigenen Position abzurücken: Das eigene
Ich, die Identität, an der wir uns aus Mangel an Freiheit festklammern, nimmt
viel Raum in Anspruch - Raum, der der Vermittlung entzogen wird. In der Politik
der Frauen dagegen gab es eher die Tendenz, Konflikte zu vermeiden, oder, wenn
das nicht möglich war, sie zu ignorieren oder ihnen durch den Abbruch der
Beziehung ein einigermaßen würdiges Ende zu setzen, worauf dann jede ihres
Weges ging. Das Bewusstsein über das Ende des Patriarchats läßt ein solches
Verhalten nicht mehr zu, denn wer Autorität übernimmt, übernimmt auch den
Konflikt.
Wer Autorität übernimmt, übernimmt auch den
Konflikt, vermeidet ihn nicht, versucht ihn nicht zu verschweigen oder
beizulegen und ihn auch nicht - wie es üblicherweise geschieht - auf eine
bestimmte Frage zu beschränken. Es geht darum, ihn offen und praktizierbar zu
machen, ihn - genau wie die Autorität - zirkulieren zu lassen, so dass er nicht
destruktiv wird. Auf diese Weise wird auch das Phantasma einer vorgeblichen,
entsetzlichen Allmacht - die in Wirklichkeit niemand hat - außer Gefecht
gesetzt. Wenn die Phantasmen besiegt sind, kann uns nichts so gut wie die
Praxis des Konfliktes die meisterhafte Kreisbewegung zwischen politischem
Handeln und Selbstveränderung zeigen. Diese Kreisbewegung ist das Geheimnis
der großen Politik. Die Frauen wissen das besser als die Männer, aber die
Beispiele, die wir hier angeführt haben, handeln von Männern. Das ist ein
lehrreicher, keineswegs neuer Widerspruch, der die unüberwindliche Asymmetrie
zwischen den Geschlechtern bestätigt.
»yo no soy para más de parlar« »Ich maße mir vielleicht zuviel an«,
schreibt Theresia von Avila in dem wichtigen 21. Kapitel ihres Buch des
Lebens, wo sie behauptet, ein politisches Wissen zu besitzen, das ihren
Worten nach »den Königen« äußerst nützlich sein könne: »Von welch größerem
Vorteil wäre es für sie, sich dieses anzueignen, anstatt nach Vergrößerung
ihrer Herrschaft zu trachten! Wieviel Gerechtigkeit gäbe es in ihrem Reiche!
Wieviel Übel könnte vermieden werden, wieviel Übel wäre bereits vermieden
worden!« Und dann stellt sie im Hinblick auf ihr Geschlecht, in Anbetracht der
heldenhaften Taten anderer Frauen fest: Ich kann nichts anderes als sprechen (»yo
non soy para más de parlar«). Genauso geht es uns hier. Genauso geht es anderen
in zahllosen Situationen des täglichen Lebens. Sprechen und zuhören, wie die im
folgenden zitierte Stadtteilvorsitzende, die sich mit der Immigration und der
Prostitution auseinander setzen muß, die ihr Viertel überrollt haben:
»Am
Anfang meiner Tätigkeit als Stadtteilvorsitzende hatte ich das Gefühl, in einem
Karussell zu sitzen, das mich immer im Kreis herumschleuderte und mich daran
hinderte, von mir selbst auszugehen und direkt zu handeln. Meine größte Arbeit
bestand darin, das Karussell anzuhalten, mich nicht von den unmittelbar
anstehenden - echten oder vermeintlichen - Schwierigkeiten einschüchtern zu
lassen und die Praxis der Beziehungen zu verstärken, vor allem zu einigen
Frauen. So ist es mir gelungen, die Probleme mit der notwendigen Aufmerksamkeit
im Auge zu behalten und im direkten Kontakt mit konkreten Frauen und Männern -
die oft mehr Ressourcen als die sogenannten Institutionen haben - eine Lösung
zu finden. Dass sich so viele Leute mit ihren Schwierigkeiten an den
Stadtteilrat wenden und zufrieden sind, wenn ihnen wenigstens jemand zuhört und
ihnen mit ein paar sinnvollen Worten antwortet, zeigt für mich das Bedürfnis
nach Kommunikation und nach Autorität.«
Wir finden also die Autorität wieder - hier in
ihrem lebendigen Kontext von Vertrauen und Miteinandersprechen. (Auch Hannah
Arendt hatte zugegebenermaßen diesen Zusammenhang bereits hervorgehoben.)
Vertrauen ist fast ein Synonym für Autorität, und die Kombination mit dem
Sprechen ist gleichermaßen sinnvoll, denn in die Sprache, die wir sprechen -
die Muttersprache - haben wir oder hatten wir, als wir sie lernten, Vertrauen.
Die Sprache ist die ursprünglichste Autorität; es gibt keine Autorität ohne
Sprache.
Aber die Sprache verweigert sich mittlerweile
dem politischen Diskurs. Der scheußliche Politiker- und Journalistenjargon ist
nicht nur ein Spiegel, er ist der gequälte Ausdruck eines Sinnverlustes: Was
bisher als »Politik« galt, hat keinen Sinn mehr, doch fast niemand wagt dies
laut zu sagen, aus Angst, der Sache damit den Rest zu geben. Beeindruckend
dabei ist vor allem, dass die direkt Betroffenen (die diesen Zusammenbruch
nicht ignorieren können, denn sie müssen täglich damit umgehen) immer nach
etwas suchen, was fehlt, anstatt innezuhalten und über den offensichtlichsten
Widerspruch nachzudenken: den, der ihrem Umgang mit Macht innewohnt. Zuerst
behaupteten sie, in Italien brauche man nur das Mehrheitswahlsystem einzuführen
und alles wäre in Ordnung. Und, jetzt, wo es eingeführt ist, was fehlt jetzt?
Jetzt fehlt der zweite Wahlgang. Warum habt ihr nicht früher daran gedacht? Bei
den Bürgermeisterwahlen haben wir das Mehrheitswahlsystem und auch zwei
Wahlgänge - was fehlt dort? Sicher liegt es daran, dass wir in einer »jungen«
Demokratie leben, es fehlt eine starke Regierungstradition - nein, es fehlen
die Vorwahlen, es fehlt der Föderalismus, die Steuerautonomie der Regionen, die
Direktwahl des Parteivorsitzenden, es fehlt an Durchsetzungsvermögen... es fehlt
einfach immer etwas, um regieren zu können. Aber Clinton und der phantastischen
Hillary - was fehlte denen? Nicht eine ausgereifte Demokratie, nicht die
Vorwahlen, nicht der Föderalismus, nicht die Direktwahlen und auch nicht das
Durchsetzungsvermögen - und doch haben sie es nicht geschafft, das
katastrophale Gesundheitssystem der USA zu verändern und es dem wesentlich
zivileren in Europa anzugleichen. Dabei war das (und bleibt es vielleicht auch,
was Hillary betrifft) das Hauptziel, das sie sich bei der Präsidentschaftskandidatur
gesetzt hatten und mit dem sie die Wahlen gewonnen hatten. Wie in einem Leitartikel
der Tageszeitung La Stampa zu lesen war, ist »Politik auf der ganzen
Welt der legitime Kampf um die Eroberung der Macht«. Die armen Kaiser, sie
laufen nackt herum und wissen es nicht, um mit einem Bild aus Andersens Märchen
zu sprechen. Manch einer läßt es irgendwie durchschimmern, wie der Dezernent
für Soziales einer großen italienischen Stadt, der verschämt erklärte: »Die
Institutionen allein genügen nicht«. Damit wollte er sagen, dass sein Amt,
seine Stadtverwaltung, seine Mehrheit nicht imstande waren, auch nur einen
Bruchteil ihres Programms zu verwirklichen, wenn dabei nicht noch andere Kräfte
mitwirkten.
Dasselbe läßt sich auch anders formulieren, und
damit klärt sich auch das Rätsel der wachsenden Machtlosigkeit der Macht:
Politik läßt sich nicht auf den »legitimen Kampf um die Eroberung der Macht«
reduzieren, denn wenn sie nur das wäre, würden die Politiker nur Indianer
miteinander spielen. Politik existiert auch in der Form von ehrenamtlicher
Arbeit, von Kooperativen, von Zusammenschlüssen, einem Netz solidarischer
Beziehungen zwischen Nachbarinnen, von Buchläden, die Leute und Ideen
miteinander in Kontakt bringen, von unabhängigen Verlagen... Diese Beispiele
(nur einige von vielen) nennen wir hier nicht um der Aufzählung willen, sondern
um deutlich zu machen, dass die Praxis der Beziehungen und der Verhandlungen Politik
ist. Dieser Praxis von Frauen und Männern an den verschiedensten Orten ist es
zu verdanken, wenn das sogenannte soziale Gefüge nicht auseinanderbricht, wenn
das Zusammenleben wirkliches Leben bleibt und nicht zu einer Koexistenz voller
Mißtrauen und Gereiztheit wird; dieser Praxis ist es zu verdanken, wenn
amtliche Entscheidungen Beine (und Köpfe und Herzen) bekommen, um in die
richtige Richtung zu gehen, wenn jede/r einzelne in die Lage versetzt wird,
mitzudenken und über den eigenen individuellen Bereich hinaus zu wirken.
Im Frauenbuchladen Mailand tauchte eines Tages
die Vorsitzende einer großen Kooperative für Sozialarbeit auf (die
Gesellschaftsform der Kooperative setzt sich in Italien vor allem im
Non-Profit-Bereich immer mehr durch) und stellte uns die Frage: »Mir ist
vorgeschlagen worden, für den Stadtrat zu kandidieren. Wozu ratet ihr mir? Ich
wäre geneigt, den Vorschlag anzunehmen, auch wenn die Arbeit in der Kooperative
mich mehr interessiert. Aber ich denke schon seit langem, dass es notwendig
ist, sich politisch zu engagieren.« Wir haben ihr geantwortet: »Was du als
Vorsitzende der Kooperative machst, ist bereits Politik - ja, es ist die
Politik, ohne die die andere nicht funktionieren würde. Du und deine
Kolleginnen, ihr geht gegen Isolation und Einzelkämpfertum vor, ihr findet
Lösungen für gesellschaftliche Probleme, ihr demonstriert die Vorteile der
Zusammenarbeit, und so schafft ihr sozialen Zusammenhang, so erschafft ihr ein
Stück Welt. Die Philosophinnen von 'Diotima' würden sagen, ihr bringt die Welt
zur Welt.« Dieser Antwort stimmte sie zu, aber sie hatte einen Einwand: »Wenn
ich im Stadtrat wäre, könnte ich dort die Interessen der Kooperativen
vorbringen, die von der öffentlichen Verwaltung ignoriert oder vernachlässigt
werden, weil sie diese Projekte nicht kennt.« - »Aber weshalb solltet ihr euch
denen vorstellen? Vielmehr sollten die zu euch kommen. Ihr macht die primäre
Politik, die anderen betreiben eine Politik, die wesentlich weniger wirksam
als eure ist.« Der Text, den wir hier schreiben, hat der eben erzählten Episode
viel zu verdanken. Die Vorsitzende der Kooperative fand die Idee der »primären
Politik« gut und bestätigte, dass es wirklich umgekehrt sein müsse, dass nicht
sie beim Dezernenten oder bei der Dezernentin antichambrieren müßte, sondern
dass er (oder sie) mit der Kooperative über die Probleme der hilfsbedürftigen
Bürger und Bürgerinnen diskutieren müßte. Bevor sie sich verabschiedete, meinte
sie noch: »Viele Leute machen ja primäre Politik, aber sie betrachten sie nicht
als solche, weil sie zu den Politikern ehrfürchtig aufschauen, oder umgekehrt,
weil sie Politik verachten und von Politikern überhaupt nichts wissen wollen.
Diesen Leuten müßte man eure Überlegungen nahebringen, die finde ich nämlich
richtig.« Und so reifte die Idee eines Sottosopra heran, in dem wir den
Begriff der primären Politik publik machen wollten - für die, die eine solche
Politik bereits betreiben, aber auch für die »Oberpolitiker«, denn diese
Entdeckung betrifft sie in erster Person.
Es ist passiert
Als die Historikerin und Schriftstellerin Lidia Storioni Mazzoleni in
einem Interview gefragt wurde, weshalb sie vorzugsweise Frauengestalten
behandle, antwortete sie:
»Es
muß einen Grund dafür geben, dass ich immer unbewußt und völlig unbeabsichtigt
Frauengestalten bevorzugt habe. In meinem Buch Profili omerici' (Homerische
Gestalten) ist es Helena, die am Webstuhl die Geschichte des Trojanischen
Krieges webt; dann Kassandra, dazu verurteilt, nicht erhört zu werden wie alle
intelligenten und vernunftbegabten Frauen; dann die Amme Euriklea, die Odysseus
als erste erkennt. Eine Frau war auch Galla Placidia, und eine weitere Frau,
»eine Ehefrau« war die, die ich aus verschiedenen Fragmenten zusammenzusetzen
und wiederzubeleben versucht habe... Frauen sind auch die Protagonistinnen der
großen Tragödien - Antigone, Elektra, und auch die ergreifendste Gestalt der
Illas, Andromache, ist eine Frau. Frauen, die Geschichte und Leben verwoben. Es
ist unabsichtlich passiert, aber sicher nicht aus Zufall. « (Interview mit
Eugenlo Manca in der Tageszeitung Unitá)
Unsere Aussage soll denselben bestimmten,
subtilen Ton haben, der im letzten Satz der bekannten Wissenschaftlerin liegt:
Es ist passiert - unabsichtlich, aber sicher nicht aus Zufall.
Eine Frage ist noch offen: Gibt es also zwei
Arten von Politik? Und welche Auswirkungen hat die Tatsache, dass die eine vor
der anderen kommt, in der Praxis? - Nein, es gibt keine zwei Arten von Politik.
Die Geschlechter sind zwei, aber die Welt ist eine, und sie ist von Männern und
Frauen bewohnt. Der Name »primäre Politik« soll eine Brücke darstellen für
diejenigen, die sich Politiker/innen nennen. Sie sollen sich klarmachen, dass
sie sich nicht im »Politikertum« einschließen dürfen und stattdessen ihren
Blick auf die zahllosen Frauen und Männer richten, die mit ihrem Engagement die
Zivilisation zivil und die Menschheit menschlich machen.
Es ist also eine andere Frage zu stellen, und
zwar, ob und wie dieses Handeln zu der Politik werden kann. Sicher nicht
so, wie es sich der Dezernent für soziale Fragen vielleicht vorstellt: als
Zuträgerdienst oder als ergänzende Maßnahmen, denn wir leben nicht mehr in
einer Zeit von Zuträger- oder Flickdiensten. Wir leben in einer Zeit der
Veränderung.
Was in Zeiten der Veränderung Schwierigkeiten
macht, ist der Blick. Der Blick bleibt dem Alten verhaftet, und wenn er
nicht das Altgewohnte sieht, sieht er vorzugsweise Fragmentierung, Unordnung.
Er sieht nicht, dass die Wirklichkeit neue Formen annimmt, dass bereits gute
Lösungen existieren und an vielen Orten praktiziert werden. Wie etwa
selbstverwaltete Zusammenschlüsse - eine Antwort auf die Krise der großen
Organisationen; oder die Freiwilligenorganisationen, die versuchen, eine praktische
Antwort zu geben auf soziale und weltweite Krisen (letztere müssen vielleicht
ohne Antwort bleiben); denken wir auch an die Zunahme selbstverwalteter und
selbständiger Arbeit - die nicht nur den Rückgang der festen Arbeitsplätze,
sondern auch den Verlust von ihrer zentralen Rolle ausgleicht.
Diese Antworten sind schon Politik. Das heißt,
sie sind Möglichkeiten der Vermittlung zwischen Wünschen und Bedürfnissen auf
der einen und historischer Veränderung auf der anderen Seite. Der alte Blick
nimmt nicht wahr, dass diese Antworten der Welt und der Gesellschaft Leben
verleihen, jenseits der Widersprüche und der Risse in der Gegenwart.
Angestrengt versucht er, politische Formen zu finden, die seiner Logik
entsprechen: Vor die Erfindung des Neuen stellt er die Wiederholung des Alten
und vor die Kreativität die Bewahrung des Vorgegebenen. Zu oft stellen sich zum
Beispiel auch Freiwilligenorganisationen und selbstverwaltete Zusammenschlüsse
an die Seite der politischen Macht - fast als ob sie von dieser eine
symbolische Anerkennung erwarteten. Wie wir hier aber gezeigt haben, ist die
herrschende politische Kultur mit besonderer Blindheit geschlagen, was die
weiblichen Formen der Vermittlung anbelangt, die in der Zeit des zu Ende
gehenden Patriarchats recht erfolgreich und souverän operieren. Als ein Zeichen
für diese Souveränität ist die Tatsache zu werten, dass die Frauen die zentralen
Veränderungen in ihrem Leben nicht in Forderungen an die offizielle Politik
fassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Frauen die offizielle Politik
verschmähen, denn zu den Wahlen gehen sie; hier zeigt sich vielmehr ein
Bewusstsein über die natürlichen Grenzen dieser Politik. Was wir hier sagen,
liegt offen zutage. Doch der alte Blick sieht es nicht, denn er versucht es zu
interpretieren als 1) Mangel an Gesetzgebung und 2) unausgewogene Vertretung
der Geschlechter - womit den Praxisformen der Frauen ihre politische Substanz
genommen ist. Wir können hier nichts anderes als sprechen, und wir sagen: An
manchen Orten gibt es eine »Abwesenheit« von Frauen, die keine solche ist. Bei
bestimmten Diskussionen zeigt sich ein »Schweigen« der Frauen, das kein solches
ist. Das weibliche Begehren ist aus einer schlimmen Geschichte von Zwängen und
Beschränkungen lebendig hervorgegangen, und es hat originelle
Praxisformen und Worte geschaffen. Das erklärt auch, weshalb es der Soziologie,
der politischen Ökonomie und der Politik nicht gelingt, die Entscheidungen der
Frauen bezüglich ihrer Arbeit und ihres Lebens in die vorgegebenen
Interpretationsraster zu zwängen. Nicht einmal dem Feminismus - dem Feminismus,
der beansprucht, die Frauen zu vertreten - ist das gelungen. Die Frauen (oder:
die Frau) stehen nicht mehr als repräsentierbares Objekt und auch nicht als
repräsentatives Subjekt zur Verfügung.
Die »heimliche Voraussetzung« (Robert Kurz) der
modernen auf Warenproduktion und -konsum basierenden Gesellschaften ist somit
ans Tageslicht gekommen: Es war die schweigend und gratis verrichtete Arbeit
der Frauen. Heute haben die traditionellen, ans Haus und seine Bewohner gebundenen
Rollenmuster nicht mehr die zwingende Verbindlichkeit wie in vergangenen
Zeiten, und sie stehen einer direkt bezahlten Erwerbstätigkeit nicht mehr im
Wege. Aber - und hier liegt der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Sache - die
Frauen identifizieren sich nicht mit dem Ende dieser fundamental wichtigen,
aber unsichtbaren und gratis verrichteten Arbeit. Sie setzen dem Schweigen über
die Ausbeutung der weiblichen Arbeit ein Ende, nicht aber dem zivilisatorischen
Werk der Frauen, das jetzt in seiner ganzen - auch ökonomischen - Tragweite zum
Vorschein kommt. Die Politik der Frauen hat also mehr bewirkt als das
»Geheimnis« der weiblichen Unterordnung im Hause zu lüften: Sie hat bewirkt und
bewirkt noch, dass das Frausein nicht mehr als Tauschwert unter Männern
darstellbar ist. Sie hat bewirkt und bewirkt noch, dass das Menschsein nicht
den Mechanismen unterliegt, die den Beziehungen zwischen Menschen einen
Warencharakter aufdrücken. In einfacheren Worten heißt das: Dank der weiblichen
Freiheit wird es immer weniger möglich sein, aus den Beziehungen zwischen
Menschen ein Gut zu machen, das wie eine beliebige Ware auf den Markt gebracht
werden kann. Die weibliche Differenz nimmt so ein universelles Zeichen von
Menschlichkeit an, das den Projekten, die »schon Politik sind« und es nicht
wissen, die notwendige Radikalität verleiht. All das, was Menschen heute unternehmen,
um das Bestehende zu verändern - Arbeit, Kultur, Wirtschaft, die Organisation
der öffentlichen Verwaltung - kann aus einer freien Interpretation des
Frauseins/des Mannseins neue Worte und eine Leichtigkeit im Umgang mit den
Dingen gewinnen.
Das sagen wir ohne Triumphgefühle. Mit vielem
müssen wir uns noch auseinander setzen: mit dem Übermaß an Wissen über das
Leben - wie wir es haben -, mit dem zu intensiven Austausch zwischen Frauen,
mit einem gewaltig großen historischen Gewinn - dem Ende des Patriarchats -,
der zwangsläufig eine gewaltig große Aufgabe nach sich zieht.
Zur Vorbereitung des Roten
Sottosopra haben beigetragen:
Loredana Aldegheri
Letizia Bianchi
Denise Briante
Annarosa Buttarelli
Rinalda Carati
Lia Cigarini
Sandra De Perini
Anna Di Salvo
Cristiana Fischer
Francesca Graziani
Marisa Guarneri
Clara Jourdan
Maria Marangelli
Luisa Muraro
Lilli Rampello
Daniela Riboli
Traudel Sattler
Oriella Savoldi
Rosetta Stella
Mari Zanardi
Luana Zanella
und andere