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Libreria delle donne di Milano: Rotes Sottosopra

 

 

 

Das Patriarchat ist zu Ende

 

Es ist passiert - nicht aus Zufall

 

Das Patriarchat ist zu Ende

Das Symbolische lacht

Männer

Das Allgemeine als Vermittlung

Wie lange noch?

Wenig plausibel, aber dringend

Anstelle des Ich/Wir/Sie

Der Ort der Freiheit

»Yo no soy para más de parlar«

Es ist passiert

 

 

 

Das Patriarchat ist zu Ende   Die Frauen glauben nicht mehr daran und damit ist es zu Ende. Es hat so lange gedauert, wie es für das Denken der Frauen etwas bedeuten konnte. Jetzt, da es dazu nicht mehr imstande ist, kann es nicht weiterexistieren. Das heißt nicht, daß die Frauen dem Patriarchat zugestimmt hätten - zuviel wurde ohne sie und gegen sie beschlossen: Gesetze, Dogmen, Eigentumsverhältnisse, Sitten und Gebräuche, Hierarchien, Rituale, Lehrpläne... Es war eher ein »Aus der Not eine Tugend machen«. Und das machen die Frauen heute nicht mehr - heute leben wir in anderen Zeiten, was sich schon daran erkennen läßt, daß die Dinge, die ohne und gegen die Frauen beschlossen wurden, allmählich verschwinden - gerade als ob sie den Frauen gehorchen würden. Wie seltsam! Aber vielleicht gilt ja für die Herrschaftsverhältnisse dasselbe wie für die Liebe, nämlich daß zwei dazugehören? Und jetzt macht die Frau nicht mehr mit, sie ist nicht mehr dieselbe, sie hat sich verändert, wie man so schön sagt. Aber damit ist nicht alles gesagt. Es geht nämlich nicht um eine beliebige Veränderung.

 

Heute bewegen sich Frauen - aber nicht nur Frauen - auf eine Art und Weise in der Welt, die klar und deutlich zeigt, daß das Patriarchat am Ende angelangt ist. Das drückt sich in der Bereitschaft aus, sich selbst zu verändern und Tauschbeziehungen einzugehen, in denen nichts aus dem Spiel gelassen wird. Leichtigkeit könnten wir das nennen. Oder weibliche Freiheit - denn daran gemessen verschwinden, für Frauen wie für Männer, sämtliche Vorteile der patriarchalen Herrschaft. Diese Vorteile gibt es nämlich durchaus, zum Beispiel die Identität: Herrschaft schafft Identität - sowohl für diejenigen, die sie ausüben, als auch für die, die ihr untergeben sind. Gerade das Bedürfnis nach Identität hat viele Formen von Knechtschaft aufrechterhalten. Wenn das Patriarchat nun im Denken der Frauen nicht mehr als ordnendes Prinzip funktioniert, geht es vor allem als identitätsstiftende Herrschaft unter. Die Frau gehört ihm nicht mehr - alles übrige wird sich daraus ergeben und hat sich bereits daraus ergeben, und zwar so verwirrend schnell, daß es viele (womöglich gerade die, die sich für besonders intelligent halten) gar nicht begreifen.

 

Hier könnte der Einwand kommen: Wenn das stimmt, was ihr hier behauptet, warum ist es dann nicht für alle sichtbar? Eine Sache von solchen Ausmaßen müßte doch, wenn sie wahr ist, für alle erkennbar sein. Das ist sie auch. Doch damit sie wirklich sichtbar wird, ist ein Bewußtwerdungsprozeß erforderlich. Jeden Tag wird sie deutlicher: Noch bis vor einem Jahr konnte man sich dem Glauben hingeben, es handle sich um einen auf die reichen Industrieländer beschränkten kulturellen Wandel. Mit der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz (1994), mit dem Forum von Huairou und der Pekinger Weltfrauenkonferenz (1995) hat sich aber gezeigt, daß das Ende des Patriarchats alle Länder der Welt betrifft - einer Welt, die quasi auf einen Schlag von enormen Veränderungen gekennzeichnet ist, und eine davon ist das Ende des Patriarchats. Was damit zu Ende ist oder seinem Ende zugeht, ist die Kontrolle der Männer über die Gebärfähigkeit der Frau und über ihre Nachkommen. Zu diesem Ergebnis hat die Auflösung vieler familiärer Abhängigkeiten beigetragen, bedingt durch den technischen Fortschritt, ferner die Medizin, d.h. konkret die Verringerung der Kindersterblichkeit sowie die - wenn auch kritikwürdige - Empfängnisverhütung. Doch der wirtschaftliche und wissenschaftliche Fortschritt allein hätte keine Freiheit bedeutet, wenn nicht ein Bewußtwerdungsprozeß der Frauen damit einhergegangen wäre, und - was noch wichtiger ist - wenn ihm nicht die weibliche Liebe zur Freiheit vorausgegangen wäre oder ihn fast schon vorweggenommen hätte. Als die Experten für Demographie sich dazu entschlossen, die Frauen zu befragen, was entdeckten sie da? Ein weitverbreitetes (und unerwartetes) Bedürfnis der Frauen nach Kultur und nach Hilfestellung, um ihren gebärfähigen Körper in aller Freiheit bewohnen zu können. Wieviel Geld wurde dagegen in bevölkerungspolitische Kampagnen gesteckt, die oft nicht gerade menschenwürdig zu nennen sind (etwa Geldprämien für alle, die sich sterilisieren ließen). Diese Summen hätten viel besser eingesetzt werden können, um dem Bedürfnis der Frauen nach freier Verfügbarkeit über ihren Körper nachzukommen.

 

In den Kommentaren über das Forum von Huairou, wo sich die Nicht-Regierungs-Frauenorganisationen trafen, tauchte das Schlagwort »neuer Feminismus« auf. Der Ausdruck ist zutreffend, was das weite Netz von internationalen und interkontinentalen Beziehungen zwischen Frauen betrifft - die allerdings schon seit den Anfängen des Feminismus' bestanden. Doch in Huairou (und noch zuvor in Kairo) zeigte sich ganz deutlich, daß sie imstande sind, Kontraste und Kluften zu überbrücken, die durch eine männlich dominierte Geschichte zustandegekommen waren, wie etwa die zwischen den ehemaligen Kolonialmächten und den kolonialisierten Ländern. Es wäre hingegen falsch, von einem neuen Feminismus zu sprechen, wenn man darunter das Streben nach einer stärkeren Präsenz von Frauen an verantwortungsvollen Stellen unter Berufung auf die weibliche Differenz versteht. Der Feminismus war nie ausschließlich (und auch nicht schwerpunktmäßig, zumindest in Italien nicht) auf den Vergleich mit der Lage der Männer ausgerichtet, sondern vielmehr auf die freie Interpretation der weiblichen Differenz, die Schritt für Schritt erobert wurde - nicht mit Hilfe von Gesetzen, sondern durch die Praxis der Beziehung unter Frauen.

 

Wer Quellentexte dazu lesen möchte, nehme die Schriften der italienischen Autorin Carla Lonzi (1931-1982) und Drei Guineen von Virginia Woolf (1938) zur Hand. Die Bemühung darum, der weiblichen Differenz eine originelle, unabhängige Bedeutung zu verleihen, ist viel älter als der wissenschaftliche Fortschritt, als der Feminismus und als die bürgerliche Revolution. Wie eine direkte Verbindung besteht zwischen Huairou-Peking und den Texten von Carla Lonzi oder Simone de Beauvoirs Werk Das andere Geschlecht oder Susan B. Anthony, die Gertrude Stein die »Mutter von uns allen« (The Mother of Us All) nannte, so gibt es auch eine Kontinuität, die zurückreicht zu den Preziösen des Sechzehnten und Siebzehnten Jahrhunderts und weiter zu den Beginen des Dreizehnten Jahrhunderts, zu Hypathia von Alexandria, der Philosophin, die dem Zusammenleben von Christentum und Hellenismus zum Opfer fiel und 415 n. Chr. getötet wurde.

 

Die Frauen von heute sind die Erbinnen einer uralten weiblichen Liebe zur Freiheit. Wir beziehen uns hier auf die Geschichte der westlichen Welt, weil wir diese besser kennen - es ist unsere eigene. Aber die Autonomie, von der die Frauen aus anderen Kulturkreisen in Kairo und Peking Zeugnis abgelegt haben - nur eine sei hier erwähnt, Gertrude Mongella aus Tansama, die Vorsitzende der Pekinger Konferenz -, ist ein Beweis dafür, daß auch außerhalb der westlichen Welt über sehr viele Generationen hinweg ein Bewußtwerdungsprozeß der Frauen erfolgte, der ein wertvolles Erbe aus alten Zeiten darstellt.

 

Die Sprache allerdings, die aus Peking wie aus Huairou zu uns gelangte, war voller Klagen, Forderungen und Jammertönen - die typische Sprache derer, die sich die von der Herrschaft angebotene Identität überstülpen: das Opfer, die Anwältin des Opfers, die Verfechterin universeller Rechte. Doch inmitten dieser fast babylonischen Sprachverwirrung (von der auch die Abschlußdokumente zeugen), aber kaum davon beeinträchtigt, war eine Stimme herauszuhören, die von einem einzigartigen Ereignis sprach - einem der Ereignisse, die die Geschichte der Menschheit prägen. Diese Stimme sprach in einer gemeinsamen Sprache, einer universellen Sprache, die allerdings wenig oder gar nichts mit dem angeblichen Universalismus der Rechte (de facto eine Erfindung des Westens) zu tun hatte, hingegen aber sehr viel mit der primären Rolle, die der Beziehung unter Frauen zukommt.

 

Das ist eine tiefgreifende Veränderung, deren Ausmaße erst in einiger Zeit einzuschätzen sein werden. Vielleicht wird sie auch ein Grund zur Angst sein. »Die Frauen haben nichts zu lachen, wenn die symbolische Ordnung zusammenbricht«, schrieb die Philosophin Julia Kristeva 1974. Sie wußte, daß ein Zusammenbruch (denken wir nur an die Berliner Mauer) oft mehr Probleme entstehen läßt, als er beseitigt. Wir haben trotzdem Lust zu lachen, aber wir fragen uns: Und was nun? Was wird mit der Welt und mit uns passieren - jetzt, wo das Leben der Frauen und die Beziehungen zu den Männern nicht mehr beziehungsweise immer weniger von der patriarchalen symbolischen Ordnung geregelt sind?

 

Um eine erste Vorstellung davon zu bekommen, schauen wir unsere Gegenwart und unsere Gesellschaft an: Im Laufe der letzten zwanzig bis dreißig Jahre ist die Zeit zu Ende gegangen, in der Frausein Schicksal, das heißt biologisch bedingtes Zurverfügungstehen für andere bedeutete. Heute, in unserer Gesellschaft, ist eine Frau aufgerufen, über ihre Ausbildung, ihre Arbeit, ihre Liebesbeziehungen, ihre Gebärfähigkeit und ihre gesellschaftlichen Aufgaben zu entscheiden. Die Antwort der Frauen auf diesen »Ruf« ist in ihrer ganzen Komplexität und ihrer außerordentlichen historischen Neuheit noch wenig untersucht. (Einen Titel können wir zitieren, Composing a life, 1989, von der US-Amerikanerin Mary Catherine Bateson.) Einige Anzeichen für eine Antwort finden sich auch in statistischen Angaben über Arbeit und Geburtenziffern - beeindruckende Daten, was Italien anbelangt. (Italien ist, wenn nicht im weltweiten, so doch im europäischen Vergleich, ein weniger bedeutendes Land, doch war und bleibt es politisch gesehen ein einzigartiges Land - quasi ein Versuchslabor, was sich auch in diesem Fall wieder einmal bestätigt.) An mehreren Stellen erschienen Angaben, nach denen die italienischen Frauen insgesamt die am wenigsten gebärfreudigen und die am stärksten berufstätigen Frauen der Welt sind. Die beiden Daten sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten und wären noch durch weitere zu ergänzen, wie die bessere Schulbildung und die höhere Lebenserwartung. In der Tat: Auf wieviele Kinder haben wir verzichtet, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren, ohne die Kräfte unserer Mütter oder Schwiegermütter übermäßig in Anspruch zu nehmen? Oder um selbst die Kraft zu haben, die zur Pflege von alten oder behinderten Menschen nötig ist? Die fraglichen Daten dürfen außerdem nicht isoliert von der weiblichen Differenz gesehen werden: Eine Frau unterwirft sich auf dem Arbeitsmarkt nicht vollständig dem Maßstab des Geldes, der Macht oder des Erfolges und dem entsprechenden Konkurrenzdruck, sondern sie kalkuliert auch die Befriedigung mit ein, die ihr durch die Qualität der Arbeit, durch die Freundschaft mit den Kolleginnen, durch Liebe, durch Kinder... zuteil wird.

 

Im Sommer 1995 veröffentlichte die UNO die Ergebnisse der weltweit durchgeführten Studie zum Thema Arbeit und brachte somit zu Tage, daß die Italienerinnen - bei einer Arbeitszeit der Frauen, die auch absolut gesehen viel höher liegt als die der Männer - diejenigen sind, die am meisten arbeiten, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Hauses. Das bestätigte eindeutig etwas, was sich schon mit bloßem Auge erkennen ließ: Unsere Gesellschaft nimmt immer deutlicher ein weibliches Vorzeichen an - ein weibliches, kein mütterliches, auch wenn natürlich viele Frauen Mütter sind und alle eine Mutter haben.

 

Noch etwas anderes fiel uns auf: die schwachen Kommentare hierzu. In der linken Presse war die Rede von extremer Ausbeutung der Frauen und fehlenden Kindergartenplätzen - ein Denkschema, das mindestens vierzig Jahre alt ist. Es verschleiert auch all das, was Frauen erreicht haben: dank präziser Strategien ist es ihnen gelungen, ihre Präsenz im öffentlichen Leben, persönliche Unabhängigkeit und all gemeine Lebensqualität miteinander zu vereinbaren. Unter diesem Gesichtspunkt hinkt die politische Kultur der Linken eindeutig der Entwicklung hinterher. Sie ist nicht imstande, die »weibliche Revolution« zu registrieren, die die Gesellschaft in ihren elementarsten Punkten verändert. Im August 1995 erschien in der Tageszeitung der PDS, L’Unitá, der Brief einer jungen Frau, in dem kurzgefaßt folgendes stand: Was kann ein Mann (mein Lebensgefährte) mit mir, mit meinem feministischen Bewußtsein anfangen - so verschlossen wie er ist gegenüber all den Dingen, die ich einzubringen habe? Worauf ihr der Zuständige für die Rubrik, ein Psychologe, antwortete: Erstens sind Sie aufgrund Ihrer körperlichen Voraussetzungen eher als die Männer zur Innenschau veranlagt, und zweitens dürfen Sie nicht erwarten, daß ein Mann, nur weil er ein Linker ist, besser als der Durchschnitt seiner Geschlechtsgenossen ist. - Nach dieser Antwort erwartet sicher keine Frau mehr etwas, bei einer solchen Blindheit gegenüber den Anzeichen einer wachsenden Kluft zwischen Frauen und Männern, gegenüber der Bedeutung der weiblichen Differenz und dessen, was sie an »Mehr« in sich birgt. Ein Mehr nicht im physiologischen Sinn, wie der Psychologe offensichtlich glaubt, sondern ein Mehr im historischen, politischen Sinn - auch wenn die feministische Kultur die Geschichte oder die Politik natürlich nicht vom Körper trennt. Gerade dieses »Mehr« ist eine Errungenschaft der Frauen, die ihre politische Praxis nicht vom Leben trennten, und dieses Mehr wartet noch auf Ansprechpartner, die der Sache gewachsen sind. Vielleicht fehlte der Linken ja die Vermittlung von einflußreichen Frauen. Diese Vermutung wird auch dadurch bestätigt, daß sich ausgerechnet der Sekretär der größten linken Partei auf Verhandlungen mit den Abtreibungsgegnern einließ. Das wäre zu Zeiten der historischen Kommunistinnen Adriana Seroni, Nives Gessi, Nilde lotti oder Teresa Noce nicht passiert. Aber vielleicht sollten wir das auch nicht an Personen festmachen, vielleicht geht es um die Bedeutung der Begriffe »links« und »rechts« selbst: Mit dem Verschwinden des Kommunismus' wird links/rechts immer mehr zu einer rein funktionalen Differenz innerhalb der repräsentativen Demokratie. Der Gegensatz rechts/links verliert jedenfalls mit Sicherheit seinen Sinn, wenn es um die Politik der Frauen, und damit, langfristig gesehen, um die Politik geht, denn immer mehr ist die Politik die Politik der Frauen.

 

 

Das Symbolische lacht   Wenn wir schreiben »Das Patriarchat ist zu Ende« oder »Die Politik ist die Politik der Frauen«, sind wir sicher, daß diese Worte die sich verändernde Wirklichkeit richtig zum Ausdruck bringen. Wir sind uns allerdings auch bewußt, daß diese beiden Formulierungen, die an sich klar (vielleicht zu klar?) sind, für die meisten - einschließlich Frauen - merkwürdig klingen. Das liegt daran, daß bestimmte Leute, und zwar gerade die, die am ersten die sich verändernde Realität interpretieren sollten (früher hießen sie Intellektuelle) nicht mehr zuhören und verstehen wollen. Das Resultat ist eine symbolische Unordnung (wir könnten es auch Engstirnigkeit nennen), wie sich etwa an der Antwort des Psychologen auf die klar formulierte Frage der jungen Frau zeigt. Die fehlende Bereitschaft zum Zuhören und zum Verstehen geht einher mit der Schwierigkeit, eine Wirklichkeit zu interpretieren, die sich tiefgreifend und rapide verändert. Viele haben geglaubt, man brauche sich nur von den Ideologien zu befreien, um die eigene Intelligenz wiederherzustellen, doch mittlerweile hat sich gezeigt, daß das nicht der Fall ist.

 

Aber es geht nicht nur um Intelligenz. Als die UNO-Statistiken über die Rekordarbeitszeiten der Italienerinnen erschienen, wurde an manchen Orten die Aufforderung laut: Also bitte, nehmt euch die Macht! Diese Reaktion ist zwar sinnvoller als die Reden über extreme Ausbeutung, zeugt aber ihrerseits von größtem Unverständnis gegen über den derzeitigen Veränderungen. Man maßt sich an, die stärkere Präsenz der Frauen im gesellschaftlichen Leben auf die Logik von »mehr Macht« zu reduzieren. Die Lust auf Macht gilt als universell und gültig für alle. Das stimmt aber für viele Frauen und auch für manche Männer nicht - doch das scheint für die Verfechter dieses einseitigen Standpunktes nicht von Belang. Wenn es nach ihnen ginge, müßte die Sprache der Macht obligatorisch eingeführt werden, so wie Englisch in der Schule. Dabei geht es ihnen keinesfalls um besondere Fähigkeiten, sondern um »Bequemlichkeit«, es ist »praktischer«, »man versteht sich so einfach besser«. Das ist eine Form von heimtückischer Gewalt, denn sie wirkt täglich auf uns ein und zerstört die Differenz an ihrer Wurzel, dort wo es möglich ist, der Welt und sich einen Sinn zu geben.

 

Die Destruktivität der konventionellen, aber obligatorischen Sprache der Macht mit ihrem Universalitätsanspruch kommt gerade an den Orten voll zum Tragen, wo sie effektiv die vorherrschende Sprache ist. Die kleine Gewerkschafterin, die ihrer Arbeit nachgeht, den Arbeiterinnen und Arbeitern zuhört, sie ermutigt, das Wort zu ergreifen und ihnen ein Beispiel dafür gibt, wie man direkt sprechen, von sich selbst, von der eigenen Erfahrung ausgehen kann - sie kann das so lange tun, wie sie mit ihrem kleinen Auto von einer Fabrik zur anderen tuckert. Aber wenn sie diese Praxis, die ihre ganze Seinsweise ist, bei der Gewerkschaftsleitung vorbringt, wird von ihr verlangt, daß sie sich ausweist: Was willst du überhaupt? Du bist selbstbezogen; was soll das denn sein, dieses Von-sich-selbst-Ausgehen? Weibliche Differenz? Wollt ihr Quoten? Darüber läßt sich diskutieren. Ach nein? Dann wollt ihr also eine neue »Gewerkschaftskomponente« sein? Auch das nicht! Also, was seid ihr denn dann? Ordensschwestern, Sozialarbeiterinnen, Praxistanten... Oder eine neue Sekte...?? Und so steigert man sich in ein immer größeres Unverständnis hinein, bis womöglich sogar der Antrag auf Rücktritt laut wird. Hier handelt es sich, wie sicher deutlich geworden ist, um eine wahre Geschichte, aber sie ist auch ein Exempel für eine bedenkliche Pattsituation, in die unsere Gesellschaft geraten ist. So entsteht nämlich jenes unsichtbare Glasdach, das die besten Energien der Frauen zurückhält. Die amerikanische Soziologie, die diesen Ausdruck geprägt hat, macht daraus eine Frage der Diskriminierung, die sich mit Hilfe der Antidiskriminierungspolitik lösen läßt. Das ist eine illusorische Maßnahme. Eine solche Politik hilft zwar, eine gewisse Anzahl von Frauen nach oben zu befördern, aber das unsichtbare Dach blockiert weiterhin die Differenz, die Sprache, das Mehr der Frauen, wie sich an unserem Exempel deutlich erkennen läßt.

 

Diese Pattsituation kann ein Gefühl der Bedrohung für das weibliche Begehren auslösen, und das ist tatsächlich auch schon eingetreten. Das Ende des Patriarchats ist überschattet von einem scheinbar unbegründeten Leiden der Frauen, das sich in Melancholie und Depression ausdrückt. Geht am aufklarenden Himmel nicht vielleicht die »schwarze Sonne« einer neuen Traurigkeit der Frauen auf? Ist in der Pathologie des am Sprechen gehinderten weiblichen Begehrens an die Stelle der Hysterie die Depression getreten? Alle Anzeichen sprechen dafür. Wer ein Minimum an Spürsinn besitzt, zweifelt nicht daran - auch wenn es komisch ist, daß diese Beobachtung von den Verfasserinnen eines politischen Dokumentes kommt und nicht von denen, die sich Psycho-Analytiker nennen.

 

Hier drängen sich wieder die Worte Kristevas auf: »Die Frauen haben nichts zu lachen, wenn die symbolische Ordnung zusammenbricht«. Sie hallen auch in den Worten einer kroatischen Delegierten in Huairou wider: »Die Berliner Mauer ist auf die Frauen niedergebrochen«. Besteht ein direktes Verhältnis zwischen dieser bitteren, aber klarsichtigen Feststellung und dem Verlust an Mut, der hinter dem Schweigen, der Zurückhaltung, der Tendenz zur Anpassung und der Selbstbeschränkung vieler Frauen zu vermuten ist? In welchem Maße hängt das Begehren der Frauen vom Begehren anderer ab?

 

Wir können hier noch keine Antworten liefern - unser Beitrag besteht vor allem aus Fragen. Doch wir haben klar vor Augen und sehen das auch mit gewisser Heiterkeit, daß gerade wir es sind, die diesen unsicheren Moment einer jahrtausendealten Geschichte miterleben. Wir sind es, die die Wette eingehen und auf die Worte »Ende des Patriarchats« und »Die Politik ist die Politik der Frauen« setzen. Die sich verändernde Realität benennen - präzise benennen, das bedeutet, eine Wette einzugehen auf die Welt und der Welt die Tore zu öffnen für das, was sie an Mehr in sich birgt. In anderen Worten: das Symbolische (eine Wette eingehen ist ein symbolisches Handeln) siegt über die »schwarze Sonne« und setzt das Begehren frei. Deshalb haben wir Lust zu lachen. Das Symbolische - was ist das? Die Sprache, die wir sprechen, und die Stimme, die wir zum Sprechen haben, mit ihrer wundersamen Fähigkeit, das Bestehende zu revolutionieren: So werden Momente des Stockens zu bedeutsamen Pausen; mißglückte Formulierungen zur Gelegenheit, etwas besser zum Ausdruck zu bringen, Hindernisse werden zu neuen Ansatzpunkten, Mängel zu Wendepunkten; Momente des Scheiterns zu einer Treppe, die nach oben führt, und Tiefpunkte zur Chance, tiefgehender zu reflektieren. Die Sprache ist keine Summe von Wörtern, wie es scheinen könnte, sondern eine Vervielfachung, ja noch mehr als eine Vervielfachung, ein Spiel mit offenem Ende, hinausweisend auf ein Mehr, denn ein neues Wort kann - wie auch die Linguistik bestätigt - die Bedeutung unseres gesamten vergangenen Sprechens (und Lebens) in Frage stellen.

 

Die Politik der Differenz ist eine Politik des Symbolischen. Sie zieht keine Schlüsse aus den sogenannten Tatsachen, ohne deren Bedeutung zu hinterfragen - die Bedeutung, die sie bereits haben, aber auch die, die sie im Lichte meines oder deines Begehrens annehmen können. Und die kleinen Ergebnisse werden nicht einfach angehäuft; jedes wird erneut investiert, um noch mehr hinzuzugewinnen - und so gibt es schließlich nur große Ergebnisse. Unter der schwarzen Sonne der Depression erscheint die Wirklichkeit begrenzt, beschränkt; es bleiben nur die Mechanismen der Macht - für diejenigen, die sie lieben. Das Symbolische öffnet die Wirklichkeit, setzt das Begehren frei, das immer bereit ist, auch die kleinsten Gelegenheiten zu nutzen. Das Symbolische ist nicht Widerstand, sondern ein neuer Anlauf; es ähnelt mehr einem Spiel als der Arbeit - einem Spiel, wie Kinder es spielen, mit Leichtigkeit und Ausdauer.

 

Deshalb haben wir die Versuchung bekämpft, in Jammern und in Vorwürfe zu verfallen - eine Versuchung, die wir in uns selbst, aber auch außerhalb und gegen uns gerichtet spürten -, denn aus dieser Perspektive erscheint alles erbärmlich, und die Wünsche werden auf verquere, demütigende Weise befriedigt. Deshalb haben wir die emanzipationistische Politik bekämpft, die nur eine Art von Wunsch zuließ, nämlich den männlichen - ja den am typischsten männlichen, nämlich den, mehr Macht als die anderen und über die anderen zu haben. Deshalb haben wir die Gleichstellungspolitik bekämpft, mit ihrem ganzen Drumherum von Quoten und Chancengleichheit und ihrer Logik, »den Kuchen aufzuteilen«, wo keinerlei Bruch mit dem Alten, kein neuer Start und keine Umkehrung der Dinge zulässig ist, so sehr ist sie dem vorgegebenen Denken verhaftet. Sie nennen es »Realismus«, aber bei genauerer Betrachtung der Realität zeigt sich, daß es falscher Realismus ist, dem Motivation, Kreativität und Souveränität immer mehr abhanden kommen.

 

Das alles sagen wir auf der Grundlage unserer eigenen Erfahrung. Wie Theresia von Avila im 18. Kapitel ihres Buch des Lebens schreibt, so haben auch wir uns hier vorgenommen, »nichts zu sagen, was wir nicht lange Zeit selbst erfahren haben«.

 

 

Männer   Das Ende des Patriarchats ist sicherlich nichts, worüber viel zu lachen wäre - weder heute noch in Zukunft. Das Patriarchat war nicht einfach nur die Kontrolle der Männer über die weibliche Sexualität. Es war, alles in allem, auch eine Kultur - ja eine Reihe von Kulturen, mit all ihren Institutionen, Religionen und Gesetzen. Wir können hier nicht sämtliche anthropologischen, historischen und soziologischen Studien aus feministischen und vorfeministischen Zeiten zusammenfassen. Wir möchten nur daran erinnern, daß zahlreiche Institutionen auf die symbolische Ordnung des Patriarchats zurückgehen: Parlamente, Staaten, Gleichbehandlung vor dem Gesetz, die Rechtsprechung, die Armeen - Institutionen, die als modern und als weiterhin unerläßlich gelten, auch wenn sich für einige davon bereits die Krise am Horizont abzeichnet. Leider gibt es unseres Wissens keine Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dieser Krise am Horizont und dem Ende des Patriarchats. Diesbezüglich ist auch die feministische Forschung zurück geblieben.

 

Die Befürchtung, das Patriarchat könnte bei seinem Untergang auch Institutionen mit sich in die Tiefe reißen, die für ein Minimum an gesellschaftlicher Ordnung noch unerläßlich sind, so daß Chaos, eine reaktionäre Wende oder falsche Widerstände entstehen, ist also durchaus berechtigt. Im positiven wie im negativen Sinn ist die westliche Kultur - von der sprechen wir hier, da wir sie von innen heraus kennen - weitgehend der männlichen Sexualität verpflichtet. Aber ist die männliche Sexualität deckungsgleich mit dem Patriarchat? Ist die Männlichkeit wirklich durch den Verlust der sexistischen Herrschaft und der Kontrolle über die Gebärfähigkeit gefährdet? Das ist unserer Meinung nach heute die wichtigste Frage in unserer Kultur und demzufolge auch in der Politik. Wir sprechen nicht mehr vom Feminismus, der in diesem Punkt, wie bereits gesagt, zurückgeblieben ist - wie im Zauberbann der Vorstellung von einer ewigen Benachteiligung der Frau gefangen. Stattdessen sprechen wir von der Politik der Frauen, die wir mit Politik gleichsetzen, da es heute die Frauen sind, die - mehr als die Männer - die schwierigsten Aufgaben und die grundlegendsten Widersprüche der sich wandelnden Gesellschaft in Angriff nehmen. Die Politik der Frauen (damit meinen wir nicht bestimmte Gruppen, Projekte oder Organisationen, sondern ein Handeln gemäß der freien Interpretation der weiblichen Differenz) kennt das Problem der Beziehung zu Männern. Das ist aber kein soziologisches oder psychologisches Problem, sondern eine radikale Frage über das Begehren, über die Geschlechterdifferenz und ihre Beziehung zur Herrschaft.

 

Einige Männer, auch in Italien, haben angefangen, nach praktischen Möglichkeiten einer Befreiung der männlichen Sexualität von den Formen der Herrschaft zu suchen. Wir möchten hier den Engländer Victor Seidler mit seinem Buch Rediscovering masculinity zitieren, der sich schon sehr früh und sehr eingehend mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Ein männliches Begehren, das nicht solidarisch mit der Herrschaft ist - wir wissen, daß es das gibt, weil wir ihm begegnet sind und weil wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, daß das Begehren an sich eine anarchische Macht ist, die der Geschichte und jeder Form von Zugehörigkeit, auch der Geschlechtszugehörigkeit, vorausgeht. Wir werden es also riskieren, auch zu Männern politische Beziehungen herzustellen - zu denen, deren Begehren nicht (mehr) der patriarchalen Ordnung verpflichtet ist, zu denen, deren Männlichkeit sich jenseits des Konkurrenzkampfes um Macht und Vorherrschaft ausdrückt; zu denen, die die männliche Differenz frei interpretieren.

 

Es dürfte wohl deutlich geworden sein, daß die männliche Differenz nicht in Analogie oder Symmetrie zur weiblichen in unsere Überlegungen eingegangen ist. In der Beziehung zwischen den Geschlechtern gibt es historisch gesehen keine Symmetrie. Sie anzustreben ist unserer Meinung nach ein vergebliches Unterfangen: Die Beziehung zwischen den Geschlechtern wird immer asymmetrisch bleiben, das heißt es gibt keine Spiegelung (höchstens als Illusion) und keine Gegenseitigkeit (höchstens eine beschränkte). Die männliche Differenz ist in unseren Überlegungen aufgetaucht wie eine Entdeckung, von der wir, die sie gemacht haben, nicht sagen könnten, ob sie durch unseren Wunsch ins Leben gerufen wurde oder ob sie schon von sich aus lebt.

 

Das bedeutet natürlich, dem anderen Geschlecht einen Kredit einzuräumen, den der Feminismus ihm nicht gewährt hatte. Dagegen kann es sehr begründete Einwände geben: Viele Frauen haben eine Lebensform gewählt, in der sie sich ausschließlich auf Frauen beziehen und die Kontakte mit den Männern aufs Notwendigste beschränken; für einige war das eine bewußte politische Entscheidung. Diese Frauen sagen: »Unser Leben ist heute eindeutig besser. Wir haben mehr Zeit, mehr Sicherheit, mehr Energie, mehr Freiheit. Die Beziehungen mit anderen Frauen haben unsere Intelligenz geschärft und unsere Autonomie gefördert. Als wir feststellten, daß die Männer für uns überflüssig geworden waren, war das ein tolles Gefühl.« Dazu läßt sich noch mehr sagen: Gerade in der Beziehung zwischen einer Frau und einer anderen entsteht die freie Interpretation der weiblichen Differenz, denn sonst gäbe es nur die Spiegelung im Anderen, und wir könnten nicht von weiblicher Freiheit sprechen. Es ist wohl auch kein Zufall, daß die Praxis der separaten Treffen, die typischste der feministischen Praxisformen, mittlerweile auch unter Nicht-Feministinnen weit verbreitet ist und von verheirateten oder zumindest an Männer gebundenen Frauen geteilt wird. Auch sie spüren das Bedürfnis, sich separat mit Frauen zu treffen, um manches besser zu verstehen, um selbständige Entscheidungen zu treffen oder um einfach einmal richtig zu lachen.

 

Aber die Fragen betreffen nicht nur das andere Geschlecht. Sie betreffen auch (vor allem?) die weibliche Differenz und ihre tatsächliche Bereitschaft, sich einzubringen, das heißt ein Risiko einzugehen, sich zum Ausdruck zu bringen, sich eigenen Wert zuerkennen zu lassen. Viele Frauen ziehen es vor, Gleichheit und Rechte einzuklagen, eine neutrale oder männerorientierte Sprache zu sprechen, anstatt ihr Eigentlichstes, ihr Frausein, »nach außen zu bringen«. In der Geschichte der Menschheit, die die Geschichte der Männer zu sein scheint, gibt es zweifellos viele Übergriffe seitens der Männer, aber es gibt einen - vielleicht nicht unbedeutenden - Anteil weiblichen Widerstandes gegen den offenen Ausdruck der Differenz - so als würde es manchen Frauen widerstreben, sich symbolisch von der eigenen Unmittelbarkeit zu lösen, »von sich selbst auszugehen«, auch im Sinne von los-gehen.

 

Der Widerspruch betrifft uns also ganz direkt. Wir wissen, dass an einem bestimmten Punkt die Energie, die durch die Praxis der separaten Treffen freigesetzt worden war, gebremst wurde. Sie trug nicht mehr dazu bei, dass sich das Wissen und die Praxisformen der Frauen in anderen Kontexten ausbreiteten. Die »Gemeinschaft der Frauen« zog sich auf sich selbst zurück, im Glauben, sich selbst zu genügen. Was vorher eine sich immer weiter ausdehnende Spirale war, wird nun zu einem geschlossenen Kreis und bringt das Risiko einer »Implosion« des weiblichen Begehrens mit sich. Doch ein Handeln wie das unsrige, das seinen Ausgangspunkt im Begehren, in der Leidenschaft hat und dem es widerstrebt, die Welt im Rahmen einer vorgegebenen sozialen Ordnung aufzuteilen, ist dazu bestimmt, die Welt zu erobern. Die Arbeit jener Vermittlerinnen, die es in die Zwangsjacke der herrschenden Diskurse stecken wollen, ohne mit dem Bestehenden zu brechen, ohne etwas zu riskieren, nützt ihm nichts. Noch weniger nützt ihm die »Reinheit« derjenigen, die es im abgeschlossenen Raum kultivieren, ohne eine Auseinandersetzung zu wagen, ohne es nach außen zu tragen.

 

Ein griechischer Mythos über den Ursprung des Patriarchats - Äschylos verarbeitete ihn in den Eumeniden - berichtet, dass Phoebe, Tochter der Erde, der Großen Mutter, die Orakelkraft an Phoebos (Apollo Phoebos) als Geburtsgeschenk weitergab. Diese Macht war bisher immer nur von Mutter an Tochter weitergegeben worden. Die Frau Göttin ließ den Mann an der Göttlichkeit teilhaben, so wie sie ihn an der Fortpflanzung hatte teilhaben lassen, als sie ihm enthüllte, dass die Erzeugung des Lebens keine rein weibliche Macht war. Mit Phoebes Geschenk erhielt der Mann also neben der Möglichkeit, Leben zu zeugen, auch die Möglichkeit, Symbole zu erzeugen.

 

Doch diesen prähistorischen Wetteinsatz haben die Frauen verloren: Apollo nahm das Geschenk und bog es nach seinen Interessen zurecht. So begann das Gesetz des Vaters. In den Eumeniden wird der Muttermörder Orestes freigesprochen mit der Begründung: »Nicht die Mutter ist Erzeugerin dessen, was ihr Sohn genannt wird; sie nährt lediglich den Samen, der in ihr gesät wird«. Gestärkt durch dieses Gesetz, schwärm­ten die Männer aus, um überall ihre Phallussymbole zu errichten und das Patriarchat aufzubauen. Doch heute, wo diese Symbole am Zerbröckeln sind - Kunst und Kino zeigen das auf deutliche Weise - scheint uns der Zeitpunkt gekommen, um diese Wette erneut zu wagen.

 

 

Das Allgemeine als Vermittlung   Vor zirka zehn Jahren formulierte die französische Philosophin Luce Irigaray, die für den italienischen Feminismus eine bedeutende Rolle gespielt hat und mit ihrer Philosophie der sexuellen Differenz auch international bekannt ist, eine wichtige Idee: das Allgemeine ist Vermittlung. Was heißt das? - Das heißt, dass Unterschiede, Distanzen und Konflikte keine Trennung bedeuten, wenn man zur Vermittlung bereit ist; und dass es, mit einer Vermittlung nach der anderen, keine Barrieren gibt, die den Austausch, das Wissen, die Liebe aufhalten können. Demzufolge ist es weder notwendig, das transzendentale Eine zu postulieren noch den Pluralismus zu verabsolutieren. Mit dem/der anderen, mit dem Anderen von uns, in uns und außerhalb von uns verbindet uns der Austausch, der durch eine vermittelnde Beziehung ermöglicht wird. Alles andere bedeutet Gewalt oder Zwang oder Konfusion - und Leiden. Als Medium können die Sinne dienen oder körperliche Nähe oder Arbeit oder Zahlen oder Liebe... und vor allem die Sprache. Auch der Konflikt ist eine Form der Vermittlung, die zu einem fruchtbaren Austausch führen kann - wenn er in Worte gefaßt wird, wenn er nicht durch Schweigen oder Falschheit gekennzeichnet ist. Das gilt für die Beziehung zu anderen Menschen, Frauen und Männern, aber auch zu der Welt in ihrer Gesamtheit. Ohne Vermittlung erscheint uns auch die ganze Welt fremd und feindlich - oder noch schlimmer, eng und armselig.

 

Der Idee vom Allgemeinen als Vermittlung möchten wir noch eine weitere hinzufügen, die sich nicht bei Luce Irigaray findet, sondern bereits von Carla Lonzi vorweggenommen wurde, und zwar in ihrem berühmtesten Text, Sputiamo su Hegel (1970; dt. Titel: Wir pfeifen auf Hegel), und später auch von der Philosophinnengemeinschaft »Diotima« aufgegriffen wurde. Wir formulieren diese Idee zunächst negativ, danach werden wir zeigen, was sie an Positivem beinhaltet. Einige von uns haben die Auffassung geäußert, dass eine Vermittlung der Geschlechterdifferenz nicht möglich ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass es zwischen einer Frau und einem Mann in Fleisch und Blut kein Medium geben kann, wie etwa den Plan, zusammenzuleben und ein Kind oder auch mehrere zu bekommen; oder der Glaube an denselben Gott oder das Engagement für ein gemeinsames Ziel oder gemeinsame Ferien. Aber was es auch immer sein mag, dieses Medium wird immer partiell bleiben, etwas Wesentliches bleibt immer ausgeschlossen - eben aufgrund der Differenz des Frau- und Mannseins. Für alle Differenzen, seien sie durch Kultur, Charakter, Interessen oder Altersunterschiede bedingt, gibt es, so meinen wir, zumindest theoretisch eine Vermittlung - nur für eine nicht: die Geschlechterdifferenz. Sie ist irreduzibel, denn sie gehört zum Körper in seiner unüberwindbaren Opazität. Deshalb ist die Rede von der Komplementarität zwischen Frau und Mann falsch; es kann zwar Komplementarität geben, doch ist sie sehr beschränkt. Um es in den Begriffen der Linguistik auszudrücken: Die Geschlechterdifferenz nimmt beim Menschen, je nach Kultur und Kontext, viele verschiedene Bedeutungen (Signifikate) an, aber im Grunde hört sie niemals auf, ein unerschöpflicher Signifikant zu sein.

 

Wenn es zwischen einem Mann und einer Frau, die sehr vieles miteinander geteilt haben, zu einem Konflikt kommt, wird diese Idee konkret faßbar: Die beiden stellen nämlich verblüfft fest, dass sie gemeinsam zwei verschiedene Leben gelebt haben. Aber unsere These soll allgemeineren Charakter haben. Die Differenz besteht auch, wenn die beiden in trautem Einklang leben - selbst in diesem Fall bleibt eine Seite ihrer Kommunikation im Dunkeln, wie eine Seite des Mondes. Aber ist das Medium zwischen den Geschlechtern nicht der Mensch? Richtig - vorausgesetzt, wir gehen davon aus, dass der Mensch nichts anderes ist als Frau/Mann. Der Mensch ist Identität und Differenz, die in einer Kreisbewegung miteinander verbunden sind. In anderen Worten, der Mensch ist die Notwendigkeit der Vermittlung, die wir, eingeschrieben in die sexuelle Differenz, nicht ohne Ängste mit uns herumtragen. Vielleicht liegt der Urgrund der Misogynie, des Hasses der Männer auf die weibliche Differenz, eben hierin: in der Weigerung, sich der Notwendigkeit der Vermittlung zu beugen. Und etwas Ähnliches ließe sich vielleicht auch über den »Traum von der großen Liebe« bei vielen Frauen sagen.

 

 

Wie lange noch?   Aus diesem Grunde zerfällt die Kultur - die von der symbolischen Arbeit der Vermittlung lebt -, wenn der menschliche Maßstab in der Geschlechterdifferenz verschwindet. Im Zusammenhang mit dem »seltsamen Krieg«, der das ehemalige Jugoslawien heimsuchte, wurde von verschiedenen Seiten festgestellt, dass das wilde und äußerst dumme Kriegstreiben der Männer vom Schweigen der Frauen begleitet war. In Fällen wie diesem letzten Krieg drängt sich, was Zivilisationsarbeit anbelangt, der Gedanke an die mühsame Arbeit der Penelope auf: Sie verbrachte ihre Tage damit, ein Tuch zu weben, das immer wieder aufgetrennt wurde. Uns ist aus der Antike keine Tragödie Penelope überliefert, und doch gibt es keine tragischere Darstellung der menschlichen Zivilisation - heute besitzt sie sogar noch mehr Ausdruckskraft und Wahrheit als in der Antike. Betrachtet man die drei europäischen Kriege des 20. Jahrhunderts, so läßt sich feststellen, dass die Zivilbevölkerung zunächst minimal und am Ende total einbezogen wurde: Im ehemaligen Jugoslawien vermieden es die Männer tunlichst, sich gegenseitig zu bekämpfen; stattdessen nahmen sie die Zivilbevölkerung ins Visier und zerstörten alles, was hauptsächlich die Frauen in alltäglicher Zivilisationsarbeit geschaffen hatten. Diese Logik führte schließlich auch zur planmäßigen Vergewaltigung des gebärfähigen weiblichen Körpers. Das hätten - um beim Mythos von Penelope zu bleiben - jene, die zu ihr ins Bett wollten, nicht gewagt. Ein weniger extremes Beispiel liefert uns der Arbeitsmarkt: Heute ist er, laut der Terminologie der Wirtschaftswissenschaftler, flexibel geworden. In der Praxis heißt das: er ist so stark zugunsten des Kapitals und zuungunsten der Arbeitskräfte ausgerichtet, er ist so unzugänglich für die Arbeitssuchenden geworden, daß sich Männer und Frauen, vor allem die jüngeren, die ihre erste Stelle suchen, extreme Sorgen machen.

 

Es ist also praktisch unmöglich geworden - und wäre daher auch falsch -, die Tätigkeit der Frauen weiterhin nach dem Modell einer Teilung der symbolischen Arbeit zu konzipieren. Dieses Modell galt viel leicht zu Penelopes Zeiten (das heißt: zu Zeiten unserer Mütter) noch, aber jetzt gilt es nicht mehr, es ist zerstört. Dafür haben wir angeblich bereits eine neue Situation: die Gleichheit der Geschlechter. Sie entstand in der westlichen Welt (das sei hier besonders betont), nicht um das vorliegende Problem zu lösen, sondern um die Logik des Rechtsstaates zu erfüllen. Bis zu einem gewissen Punkt ist das auch eine richtige Lösung. Aber heute wird von vielen Seiten versucht, sie als die Lösung des Problems zu verkaufen, das wir hier stellen: Uns geht es um eine freie Interpretation der Geschlechterdifferenz in der zivilisatorischen Arbeit. Und da wird die Rede von Gleichheit eine zwanghaft zurechtgebogene Antwort. In Composing a life schreibt Mary Catherine Bateson über sich und die anderen Frauen, mit denen sie an dem Buch gearbeitet hatte: jede von uns hat, wenn auch in unterschiedlichem Maße, aufgrund ihres Frauseins Diskriminierungen erfahren; jede von uns ist manchmal weniger gleich behandelt worden, doch sind wir alle immer auf der Suche nach Beziehungen, in denen die Differenz zum Ausdruck kommt, und fühlen uns etwas desorientiert von der politischen Notwendigkeit, das Gleichheitspostulat zu akzeptieren. Gleichheit bedeutet nämlich, so zeigt Bateson, dass eine symmetrische Beziehung herzustellen ist, und eine symmetrische Beziehung bedeutet Konkurrenz. Und Konkurrenz verhindert, dass nicht-kompetitive Beziehungen und Praxisformen zum Ausdruck kommen, früher oder später praktiziert und auf lange Sicht begriffen werden können - gerade jene Beziehungen und Praxisformen, die das Zusammenleben menschlich und die Gesellschaft zivil machen. Die extrem hohe Arbeitsbelastung der Frauen in Ländern wie Italien (die mit dem kulturellen und dem technischen Fortschritt keineswegs abnimmt) zeigt deutlich, in welchem Engpaß sich viele Frauen befinden: auf der einen Seite der Konkurrenzkampf, um unabhängig zu sein, auf der anderen Seite die seit alters her von den Frauen verrichtete zivilisatorische Arbeit. Wie lange noch?

 

Die zivilisatorische Arbeit der Frauen, die bisher schon auf eine schwere Probe gestellt war, da sie eine untergeordnete und quasi unsichtbare Rolle spielte (bevor Marc Bloch die Schule der Annalen gründete, kam das Thema in der Geschichtsschreibung überhaupt nicht vor), wird in Zukunft ganz verschwinden. Situationen wie im ehemaligen Jugoslawien und auch der Arbeitsmarkt werden dazu beitragen, dass dieses Werk verschwindet - unter Gewaltanwendung oder mit Zustimmung, wenn es nicht als politisch relevant erkannt (das heißt öffentlich und bewusst) wird, und zwar von Frauen (und Männern), die um die Bedeutung der weiblichen Differenz wissen. In einem Wort, wenn es nicht zur weiblichen Autorität wird. Heute gibt es die weibliche Differenz im Sinne einer Spezifizierung der Menschheit - das vielzitierte »spezifisch Weibliche« - nicht mehr, wer oder was es auch immer zum Tode verurteilt hat. Von nun an kann die weibliche Differenz vom Nordpol bis zum Südpol, von New York bis Peking all das bedeuten, was Menschsein ist: eine Differenz, die Symbolisches schafft, sie kann Frauen wie Männern zum Bewusstsein ihrer selbst verhelfen und schizophrene Dualitäten aufheben, die seit dem Mythos des universellen Menschen um sich gegriffen haben. Natürlich nicht alle Schizophrenien oder Entfremdungsmechanismen der menschlichen Geschichte, aber doch eine beträchtliche Anzahl, angefangen mit der zwischen Natur und Kultur, bis hin zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Dabei ist jeweils eine spezifische historische Analyse erforderlich, ebenso wie das Bewusstsein, dass es ohne Symbolisches kein Reales gibt und ohne Vermittlung keine Welt.

 

Aber weshalb weibliche Vermittlung? - Dieser Einwand kommt von den Systematikern, die die Vorstellung vom universellen Menschen aufgegeben und sie durch die einer sich spiegelnden Dualität Männer und Frauen / Frauen und Männer ersetzt haben. Das systematische Denken liebt Symmetrien mehr als die Geschichte - die eben nicht symmetrisch ist. »Weibliche Autorität« ist eine historische Antwort. Die Geschlechterdifferenz setzt die Notwendigkeit der Vermittlung in Gang, gibt aber keine Antwort. Die Antworten gibt die Geschichte; sie lassen sich nicht ableiten. »Weibliche Autorität« ist der Name, den wir als Antwort auf die brennendste Frage gefunden haben, die eine Gesellschaft stellen kann - die unsere Gesellschaft stellt -, und zwar die Frage, was zu tun ist, damit die Arbeit der Vermittlung nicht aufhört.

 

 

Wenig plausibel, aber dringend   Autorität ist ein Wort, das wenig und schlecht benutzt wird. Oft wird es mit Macht verwechselt. Es ruft Phantasien und Protest hervor. Im Italienischen zieht man gegebenenfalls den Begriff der »autorevolezza« oder andere Wendungen vor. Von Autorität zu sprechen ist also wenig plausibel. Trotzdem ist es notwendig, damit anzufangen, wenn wir bedenken, dass das Werk der Vermittlung - nicht der besänftigenden, sondern der objektivierenden und beziehungsstiftenden Vermittlung - Sinn für Autorität erfordert. Andernfalls siegt die Macht oder, seitens der Machtlosen, der Rückgriff auf Gewalt. Oder - vor allem bei Frauen - das Schweigen und die Krankheit.

 

Wir haben die Autorität durch die Politik des Symbolischen wiederentdeckt, durch eine Politik also, die von Bewußtwerdungsprozessen und von Beziehungen ausgeht. Aber wir haben sie in einer praktisch neuen Form entdeckt. Die alten Formen der Autorität implizierten eine Hierarchie. Die Philosophin Hannah Arendt, die bereits in den sechziger Jahren über dieses Thema reflektierte (in einer politischen Perspektive, so wie wir hier), vertrat die Auffassung, Autorität und Hierarchie gingen Hand in Hand. In diesem Punkt stimmen wir nicht mit ihr überein. Genauer gesagt: Wir finden, sie hat recht, aber nur im begrenzten Rahmen der Kulturen und Organisationen, wo die symbolische Ordnung von der sozial festgelegten Ordnung abhängt. Wie etwa in den von Hannah Arendt untersuchten Gesellschaften der Antike oder in vielen religiösen Organisationen (wie der katholischen Kirche) oder, so scheint es, auch in der heutigen Kultur Japans. Wir haben die Autorität als symbolische Qualität der Beziehungen, als Figur des Austausches entdeckt (oder erfunden?). Das heißt, niemand ist »die Autorität«; denn Autorität zeigt sich in der dynamischen Zunahme der vermittelnden Beziehungen. In den Abkommen zwischen Männern gibt es immer ein Drittes (der Staat, die Gesetze), das den beiden Parteien die Macht verleiht, alles andere auszuschließen. Auch in den Beziehungen, über die wir hier reflektieren, gibt es ein Drittes, und zwar die symbolische Ordnung der Mutter, die nichts ausschließt. So entsteht ein Übereinkommen ohne jeglichen Ausschluß: dieses Verhältnis ist offen für alle, denn seine Existenz hängt von der Vervielfachung der Beziehungen ab. Das bedeutet einen qualitativen Sprung im Vergleich zum herkömmlichen Bild: An die Stelle einer Welt, die über äußere Zeichen definiert ist (den Lehrstuhl, das Richteramt, die Kanzel, die Unterschriftsbefugnis usw.) tritt nun die Sprache, die die Welt fließend und beweglich und die Bedeutung der Dinge ständig aushandelbar macht. Die Wirklichkeit ist nämlich keineswegs festgelegt - außer wenn wir die Hoffnung verlieren, am Abenteuer ihrer Interpretation und Veränderung teilhaben zu können.

 

In einfachen Worten: Was wir sagen und tun, soll Autorität in die Tauschbeziehungen bringen, so dass der Sinn des persönlichen und des gemeinschaftlichen Lebens nicht verlorengeht oder zerstort wird. Wo Autorität fehlt (eine recht verbreitete Erfahrung, wenn man etwas nach denkt), gewinnt die Frage der Macht die Oberhand - die Eroberung der Macht, der Wettlauf um die Macht, und der eigentliche Grund des Unternehmens tritt immer mehr in den Hintergrund, bis er schließlich überhaupt nicht mehr klar ist. Denken wir nur, um ein Beispiel zu zitieren, an die Machtspiele, die sich wie ein Geschwür in die Universität eingefressen haben: Die Forschung und die Ausbildung der jungen Leute sind dadurch ernsthaft beeinträchtigt - alles ist blockiert aufgrund endlos langer Prozeduren, und die Berufung der Dozenten ist nahezu lahmgelegt.

 

Die feministische Geschichtsschreibung hat dazu beigetragen, dass weibliche Autorität in der Vergangenheit - wenn auch in den von der patriarchalen Kultur auferlegten Grenzen - sichtbar gemacht wurde. Diese Grenzen haben sich heute aufgelöst oder sind dabei sich aufzulösen. Heute hat die weibliche Autorität gegen die Vorstellung der Gleichheit anzukämpfen. Diese ist in den letzten Jahren zur einzigen Antwort geworden, die die herrschende politische Kultur auf die Frage der Differenz zu bieten hat. Diese Antwort vermindert die ursprüngliche Bedeutung der Geschlechterdifferenz und die politische Bedeutung der Frauenbewegung, denn sie unterstellt dieser das Streben nach Gleichheit zwischen Frauen und Männern. - Eine schmeichelhafte Vorstellung für Männer, die Schwierigkeiten haben, eine bequeme Idee für alle, die sich nicht mit dem Widerspruch der Differenz auseinander setzen wollen: sie funktioniert automatisch. So läßt sich aus der fehlenden Präsenz von Frauen mit Hilfe des Passepartout-Begriffes »Diskriminierung« ableiten, dass die Frauen um jeden Preis präsent sein wollen. Wieso denn, bitte sehr? Warum zieht man nicht, wenigstens als Hypothese, die Idee in Betracht, dass die Frauen einfach andere Präferenzen setzen, sich für etwas anderes entscheiden, lieber anderswo sind? Wo-anders als im Parlament, als in der Militärakademie, den Boxringen, den Fakultäten für Maschinenbau, der Börse, dem Henkerberuf oder dem höchsten militärischen Rang? Jeden Tag, wenn eine Frau die Zeitung aufschlägt - vor allem wenn es ein linke Zeitung ist -, muß sie damit rechnen, dass man sie darauf reduziert, kein anderes Ziel, keinen anderen Maßstab als die Gleichheit mit dem Mann zu kennen. Es mag ja noch angehen, wenn solche Kommentare von Mitgliedern der diversen Gleichstellungskommissionen unter der Regie des »Staatsfeminismus’« kommen - schließlich wurden sie zu diesem Zweck eingesetzt, auch wenn es schade ist, dass das Geld der Steuerzahler und -zahlerinnen so schlecht verwendet wird. Schlimm wird die Sache aber, wenn sich auch unabhängige und mutige Denker dafür hergeben, wie etwa Leonardo Boff, ein herausragender Vertreter der Befreiungstheologie. Er scheint davon überzeugt (ist er in diesem Punkt von Nordamerika kolonisiert?), dass der Horizont der Frauen mit der berühmten Gleichheit aufhört. »Alle Gründe sprechen dafür«, so schreibt er in der linken Tageszeitung Unitá (11. 9. 95),  »den Frauen den gleichen Wert wie den Männern zuzuschreiben.« - Nein danke, wir haben einen anderen Maßstab im Kopf.

 

 

 

Anstelle des lch/Wir/Sie   Was haben wir im Kopf? Nicht die Gleichheit, aber ebensowenig ein neues Weltbild oder neue Werte. Wir besitzen die Erfahrung einer Praxis, der Praxis der Beziehungen, und haben den Anspruch, mittels dieser Praxis die Welt zur Welt zu bringen (so der Titel eines Buches der Philosophinnengemeinschaft »Diotima«). Wer Beziehungen pflegt, um bestimmte Ziele oder Interessen zu verwirklichen - ob eigene oder fremde, ob edle oder unedle -, ist von unserem Denken weit entfernt. Um diesen Gedanken in all seiner Radikalität zum Ausdruck zu bringen, wollen wir die Worte einiger Schriftstellerinnen aus dem 13. Jahrhundert zu Hilfe nehmen: Sie sagten, Gott entstehe eben aus ihrer Beziehung zu Gott. Ist das nicht absurd? Ist das nicht ein absurder Zirkelschluß? (circulus vitiosus). - Nein, es ist eine paradoxe, tiefgründige und meisterhafte Kreisbewegung (circolo virtuosus) - vorausgesetzt, wir nehmen nur deine und meine Präsenz im Hier und Jetzt zum Ausgangspunkt. Wir gehen also von den Beziehungen aus, die wir sind, und von hier aus erobern wir alles andere. Wieviel? Soviel, wie die Stärke des Begehrens und die Stärke der Beziehung ermöglicht, nie das eine ohne das andere. - Wirklich? - Die Erfahrung sagt Ja.

 

Unser Engagement und unser politischer Kampf bestehen darin, bei der Produktion von neuen Gedanken sowie im persönlichen und gesellschaftlichen Leben die Beziehung an die erste Stelle zu rücken. In diese Richtung gehen auch einige wichtige Strömungen des zeitgenössischen Denkens; wir wollen hier wenigstens einen Namen nennen: Gregory Bateson, den Verfasser von Ökologie des Geistes.

 

Die Praxis der Beziehung läßt sich auf mindestens zwei verschiedene Arten deuten: Einmal als etwas, was an die Stelle der Isolierung und der Einsamkeit tritt. Psychologisch gesehen ist das am naheliegendsten, denn unsere Art von Gesellschaft produziert Isolierung und Einsamkeit. Zweitens als etwas, was an die Stelle des »Wir« tritt. Wir ziehen letztere Interpretation vor, denn sie impliziert eine Kritik der kollektiven Beziehungen, eines Modells, das sich in unserer Gesellschaft immer mehr durchsetzt - in gewisser Hinsicht ein befriedigendes, ja zu befriedigendes Modell. Die Beziehungen im Rahmen eines »Wir« erzeugen - gerade dann, wenn sie gut funktionieren - das Gefühl, sich selbst zu genügen und sich gegenseitig zu bestärken. Dadurch wird die Notwendigkeit der Vermittlung abgeschwächt, und das Bedürfnis, sich mit denen zu messen, die nicht »Wir« sind, geht nahezu verloren. Die junge Simone Weil nannte dies das Gefühl einer »wunderbaren Übereinstimmung« und fügte gleich hinzu, am Ende liebe man nur noch dieses Gefühl - ihrem scharfen Kommentar zufolge der Ursprung »aller Kriege«. Eine herbe, aber deutliche Schlußfolgerung. Es gibt ein tiefes Bedürfnis danach, »Wir« sagen zu können, ja, es in vollen Zügen zu genießen (es genießen, eins zu sein mit der Mutter, mit Gott!). Das zeigt sich auch an dem Genuss, den bestimmte schöne Dinge des Lebens bereiten, wie die Musik, die Harmonie der Saitenklänge, der Klang einer Saite, die durch eine andere in Schwingung versetzt wird. Wie ließe sich das verurteilen? Und doch ist dieses Gefühl zweischneidig, wie Simone Weil ahnt, und die Geschichte beweist das auch. In der Tradition der westlichen Welt hat das »Wir« sehr verschiedenartige Formen angenommen: von der Verwandtschaft bis zur Nation (oder Ethme), von der religiösen Vereinigung bis zur politischen Partei, von der Armee bis zum Fußball-Fanclub, vom Dorfklüngel bis zum Staat. Einige dieser kollektiven Identifikationen sind in eine Krise geraten; sie lösen sich auf oder »drehen durch«. Heute befinden sich die großen Zusammenschlüsse in einer generellen Krise. Allerdings muß gesagt werden, dass die Frauen auch vor dieser Krise fast nie dazugehörten - nicht nur deshalb, weil man sie ausschloß. Manche behaupten, sie seien ausgeschlossen worden, weil sie darüber lachten. Das weibliche »Wir« ist anders: Mit dem Feminismus, ja, noch vorher, mit den Massenorganisationen der Frauen, entstand ein sehr elementares »Wir«: »Wir Frauen« - in seiner Unbestimmtheit sicher dem männlichen Blick verpflichtet, aber frei von jedem Gefühl der Minderwertigkeit und mit Stolz eingefordert. Später kamen Schlagworte wie »weibliche Geschlechtszugehörigkeit« und »Geschlechtsidentität« auf. Die Frauenbewegung hat sich allerdings nie als ein großes »Wir« dargestellt; das für den Feminismus typische »Wir« war das »Wir« der Gruppe. Bis in den achtziger Jahren einige Frauen eine Kritik am Gruppen-»Wir« zu formulieren begannen, und dank dieser Kritik wurde der Beziehung, die in der feministischen Praxis ja bereits die zentrale Rolle spielte, jene Radikalität zuteil, von der wir eingangs sprachen.

 

 

Die Kritik nahm mit der Entdeckung der Ungleichheit innerhalb der Gruppe ihren Anfang. Wir entdeckten, dass wir nicht alle gleich sind, was eigentlich allgemein bekannt ist (auch wenn es niemand sagt). Wir entdeckten, dass es beim effektiven Handeln das Mehr und das Weniger ist, das die Dinge in Bewegung setzt, und nicht das Gleiche. Erst das Ungleichgewicht setzt das Begehren in Bewegung. Damit hatten wir das entdeckt, was wir später symbolischen Materialismus nannten. Für die gängige Politik existiert nur der ökonomische Materialismus, der gegebenenfalls durch die Berufung auf ethische Werte ergänzt wird. Damit übergeht sie das symbolische Tier, das heißt den Menschen mit dem, was seine größte Kreativität ausmacht. Wir halten es für eine idealistische Vorstellung, den Ungleichgewichten und Ungleichheiten des sozialen Lebens mit dem Gleichheitsprinzip begegnen zu wollen; die Gleichheit ist zwar eine große kulturelle Idee, aber niemand wünscht sie sich wirklich. Wenn diese Idee wirksam wird, so geschieht das normalerweise deshalb, weil sie Neidgefühle wachwerden ließ - und das ist sicher kein gutes Vorzeichen für die Qualität der sozialen Beziehungen.

 

Als wir die Dynamik der Ungleichheit entdeckten, fragten wir uns, wie wir sie nutzen konnten - um der Dynamik selbst willen, nicht zu einem bestimmten Zweck, sondern als reichere und freiere Form des Lebens, anstatt sie in Form von Neid oder Ressentiments unnütz zu verschleudern oder sie in fremdbestimmte Mechanismen wie die repräsentative Demokratie oder die Aktienbörse zu zwängen. Und so haben wir die Beziehung gefunden, die an die Stelle des »Wir« tritt. Das ist keine wirklich neue Art von Beziehung; es ist eine jener Beziehungen, die es jedem Menschen ermöglichen, auf die Welt zu kommen und dort zu bleiben und für dieses Kommen und Bleiben einen Sinn zu finden. Aber jetzt weist diese Form von Beziehung eine bislang ignorierte oder wenig beachtete Modalität auf, nämlich die Notwendigkeit der Verhandlung, die durch das Ungleichgewicht des Begehrens erzeugt wird. Heutzutage redet man viel über das Recht auf Leben und über Menschenrechte -vielleicht eine Reaktion auf einen zu »lockeren« Umgang mit dem Leben, aber die Schlagworte Recht auf Leben und Menschenrechte bringen nicht zum Ausdruck, dass das Leben und die Menschheit nur durch ständiges Verhandeln zu retten und zu erneuern sind. Das läßt sich gut am Beispiel der Kinder nachweisen: wehrlos, bedürftig, immer bereit, alles gratis zu bekommen, aber ebenso bereit zu verhandeln und zu bezahlen, wenn das, was sie brauchen, nicht gratis kommt.

 

Der Unterschied ergibt sich aus der Höhe des Verhandlungseinsatzes. Die Beziehung, die an die Stelle des »Wir« tritt, setzt dem durch die Verhandlungen zu erreichenden potentiellen Gewinn keine Grenzen -, das Gewonnene wird einfach erneut eingesetzt, für ein Mehr, das mehr ist als das Mehr. In den Biographien der Frauen, die wir als große Frauen betrachten, finden wir viele Beispiele für einen solchen erneuten Spieleinsatz, hinter dem eine immer differenziertere und kühnere Verhandlungsführung steckt. Dabei geht es natürlich nicht nur um die Höhe des angestrebten Gewinns. Es geht gleichzeitig auch darum, wieviel man im Verhältnis dazu bereit ist wegzugeben. Manche weniger wohlhabende Menschen glauben, die Armut hindere sie an großangelegten Verhandlungen. Welch ein Irrtum! Durch schrittweises Vorgehen läßt sich schon viel erreichen. Doch ein echter qualitativer Sprung in der Verhandlung findet dann statt, wenn ich alles auf den Markt bringe - nicht nur das, was ich habe, sondern diejenige, die ich bin (denke, glaube, will, wünsche, fühle). Das heißt, die ganze Welt, denn »mein« Sein ist nichts anderes als ein Ausdruck - ein partieller, aber nicht abzutrennender Ausdruck - der gesamten Welt. Alles läßt sich auf den Markt bringen: Freundschaften, Liebschaften, Ehrgefühle, Glauben, Neigungen, Gelassenheit... Was für ein Horror, mögen hier manche sagen. Ein Horror ist das wirklich, wenn es um einen begrenzten Markt, um bescheidene Transaktionen geht. Wir reden hier aber von der Verhandlung als dem Brennpunkt der vermittelnden, nicht instrumentellen Beziehung - der Beziehung, besser gesagt, der Beziehungen, die uns so sein, fühlen und sprechen lassen, wie wir sind, fühlen und sprechen. Wir reden hier vom ursprünglichen Austausch, dem, der am Ursprung der Welt steht, und schlagen vor, auch diese Ebene von Austausch zu aktivieren, und wir behaupten zu wissen, wie das geht.

 

Wir wissen das aufgrund einer Erfahrung, die wir bereits andeuteten: Die Frauen begeben sich heute zwar auf den Arbeitsmarkt, aber sie unterwerfen sich seinen Maßstäben nicht völlig; sie messen diese wiederum an anderen, innerhalb und außerhalb der Arbeitswelt. Die derzeitige Revolutionierung im Leben der Frauen wäre nicht möglich gewesen ohne diese differenzierte Verhandlungsführung: hier geht es nicht nur um die Höhe des Gehaltes oder um Spitzenpositionen, sondern um eine Gesamtheit von Tauschbeziehungen, die alle Bereiche umfaßt: die Qualität der Arbeit, emotionale Befriedigung und Erfordernisse der Zivilisation, wie etwa die Zurückerstattung der Pflege an die alten Menschen. Deshalb sagen wir, dass die Politik heute die Politik der Frauen ist. Wir können nicht in der Krise dieser Jahrhundertwende, dieser Jahrtausendwende leben, ohne alles auf den Markt zu tragen unsere Arbeitskraft, aber auch unsere Gefühle, unsere Erwartungen, Neigungen, Bestrebungen... Wer von diesem Maßstab ausgeht, muß feststellen, dass der vom Geld geregelte Markt nur ein halber Markt ist, der nicht ausreicht, um all den Austausch zu ermöglichen, den sich ein Mensch wünscht und zu dem ein Mensch fähig ist.

 

 

Der Ort der Freiheit   Dazu ist jedoch eine differenziertere Verhandlung als die in der herrschenden Politik erforderlich. Eine differenzierte Verhandlung hat zwei Seiten: Zum einen die deutlicher sichtbare mit der anderen Partei (Frau, Mann, Gegner, Freund, Institution, Macht...). Zum zweiten eine weniger sichtbare, die aber nicht fehlen darf - die Verhandlung mit sich selbst. Sie hat die Form einer einfachen Frage: Was bin ich bereit zu geben im Tausch wogegen? Es ist unglaublich, was man alles einsetzen, was man alles gewinnen kann, wenn diese innere Verhandlung gut geführt ist. Das Leben wird zu einem wirklich freien Markt. Seinen Namen haben wir bereits genannt, es ist das Symbolische. Selbst deine negativsten Gefühle kannst du einbringen wie Neid oder Verdächtigungen: Ich bin bereit, sie wegzugeben im Tausch gegen... wogegen? Gegen mehr Intelligenz, zum Beispiel. Das funktioniert. Aber es gibt auch Hindernisse. Die Praxis der Beziehung gerät oft dann ins Stocken, wenn eine Seite meint, die eigene Identität verteidigen zu müssen. Zu Unrecht glauben manche, diese könne nicht in den Austausch eingebracht werden. Das stimmt aber nicht - denken wir nur daran, wie wir sprechen gelernt haben: wir haben unmittelbares Empfinden weggegeben im Tausch gegen Worte. Die kleinen Menschenwesen sind große, extrem souveräne Händler: Sie geben sich weg und bleiben doch unantastbar, denn niemand ist geschickt genug, um ihr Kalkül vorwegzunehmen. So erneuern sie sich ständig und bleiben sich dabei selbst treu - wie sonst niemand.

 

Solch eine Praxis der Beziehungen schafft Freiheit. Rein funktionale Beziehungen hat es dagegen schon immer gegeben; die Männer haben sie konzipiert und praktiziert, um die Gesellschaft aufzubauen, um das Zusammenleben zu organisieren und Institutionen zu gründen. Die Frauen haben eine Beziehung erfunden, die kein Ziel außerhalb ihrer selbst hat, und die - um ihrer selbst willen - zum symbolischen Ort der menschlichen Existenz wird. Dieses weibliche Wissen um die Beziehung könnte damit erklärt werden, dass die Existenz einer Frau ihren Sinn aus der Differenz, das heißt aus der Beziehung zur Mutter, erhält. Genau diese Beziehung und diese Differenz kommen bei der Verhandlung mit sich selbst ins Spiel: du bist nicht allmächtig, versuche, ein Maß zu finden, verschleudere deine Energien nicht unbedacht, vermeide es, andere nachzuahmen, mache dich nicht kleiner oder größer als du bist, suche einen Maßstab, der dir entspricht, den du selbst verkörpern wirst.

 

Manche finden das alles richtig, nur wollen sie es nicht Politik nennen. Um Politik handelt es sich in ihren Augen erst dann, wenn es um zahlenmäßig relevante Entscheidungen und um die dazu erforderliche Macht geht. Dieser Auffassung sind auch Männer, die die Verwaltung des öffentlichen Lebens keineswegs einer kleinen Gruppe von Zuständigen überlassen wollen, sondern vielmehr die Massen einbeziehen und sie zu Protagonisten ihrer Geschichte machen wollen. Aber dabei sehen bzw. berücksichtigen sie einen Aspekt unserer heutigen Kultur nicht: In eine so verstandene Politik sind die Massen bereits voll integriert; sie sind schon Protagonisten ihrer eigenen Geschichte, denn sie wurden mit ihrem Einverständnis in den Zyklus von Produktion und Konsum geschleust, und über ihre Lage sind sie - dank der begierig aufgesogenen Kultur der Massenmedien - bestens informiert. Es ist allerdings nicht zu leugnen, dass diese »Beförderung« mit wachsenden Ängsten, mit einer zunehmenden symbolischen Verarmung und bei den jungen Leuten mit einem starken Gefühl der Traurigkeit einhergeht. Aber man kann nicht behaupten, dass sie auf ein Täuschungsmanöver hereingefallen wären, und ebensowenig, dass hier irgendwo im Grunde doch ein genereller Wunsch nach Veränderung schlummere. Nein. Wir meinen, es ist eher darauf zurückzuführen, dass der vorgegebene Horizont für die größeren Möglichkeiten zu eng geworden ist. Und wir meinen, dass sich dieser Horizont nicht öffnen kann - für verlockendere Ziele oder faszinierendere Herausforderungen -, wenn jene Freiheit fehlt, die aus der Fähigkeit zur Selbstveränderung entsteht - die ihrerseits ein Produkt des Verhandelns mit sich selbst und des Verhandelns zwischen sich selbst und der Welt ist. Das heißt, wenn das Spiel nicht neu eröffnet wird mit einem veränderten Bewusstsein (dachte nicht auch Marx daran, viel mehr als an Macht, Partei und Staat - all die Geschichten, die ihm später in den Mund gelegt wurden?); ein verändertes Bewusstsein im Sinne einer freieren Verfügbarkeit über den Reichtum, der uns aus unserer eigenen Geschichte - angefangen bei der Kindheit - und unseren wichtigsten menschlichen Beziehungen erwächst.

 

Übrigens, wie kann man übersehen, dass eine solche »Neueröffnung des Spiels« heute die politische Frage Nummer eins geworden ist, angesichts der Widersprüche, in denen sich die sogenannte politische Macht befindet? Die Macht, die weder wirtschaftliche noch ideologische Macht ist und sich konstituiert aufgrund des allgemeinen Bedürfnisses nach einer Regierung, das durch ein geregeltes Verfahren (wie Wahlen) zum Ausdruck kommt. Gibt es heute noch eine so verstandene politische Macht? Wir fragen uns das, weil wir sehen, dass sie unter der Übermacht der ökonomischen Imperative langsam erstickt, dass sie blockiert ist durch Regeln, die entweder nicht gut, aber nicht zu ändern sind oder die gut sind, aber nicht befolgt werden, dass sie verdrängt und vielleicht bald ersetzt wird durch die ideologische Macht der Massenmedien und dass die Jagd nach Wählerstimmen sie in die verschiedensten Richtungen treibt. Wer Politik an rein numerischen Kriterien mißt und die Möglichkeit politischen Handelns nur auf dieser Ebene sieht, macht sich unserer Meinung nach Illusionen und nimmt nicht wahr, dass es auch ein politisches Handeln gibt, das diesen Namen wirklich verdient. Ohne ein Verhandeln mit sich selbst kommt nichts zustande. Fragt nur Nelson Mandela, der zu Recht als ein Politiker ersten Ranges gilt und der jahrelang, wehrlos eingekerkert, für das Zusammenleben der Schwarzen und der Weißen in Südafrika zu arbeiten wußte, bis dieses als unerreichbar geltende Ziel erreicht war. Fragt die aus Gründen der Vorsicht anonym bleibenden Vermittler und Vermittlerinnen, die immer direkt an dem bißchen Frieden arbeiten, das ab und zu an die Stelle destruktiver Konflikte tritt.

 

Die Beziehungen zwischen Menschen sind bekanntlich immer der Probe des Konfliktes ausgesetzt. Gerade wenn es zum Konflikt kommt, wird deutlich, dass die Fähigkeit zum Verhandeln mit sich selbst einen politischen Charakter besitzt. Der Verhandlungsspielraum kann sich manchmal nämlich als zu eng erweisen - vor allem für diejenigen, die ihrem Mandat oder ihren Grundüberzeugungen nicht untreu werden wollen und nicht fähig sind, sich selbst zu verändern, von der eigenen Position abzurücken: Das eigene Ich, die Identität, an der wir uns aus Mangel an Freiheit festklammern, nimmt viel Raum in Anspruch - Raum, der der Vermittlung entzogen wird. In der Politik der Frauen dagegen gab es eher die Tendenz, Konflikte zu vermeiden, oder, wenn das nicht möglich war, sie zu ignorieren oder ihnen durch den Abbruch der Beziehung ein einigermaßen würdiges Ende zu setzen, worauf dann jede ihres Weges ging. Das Bewusstsein über das Ende des Patriarchats läßt ein solches Verhalten nicht mehr zu, denn wer Autorität übernimmt, übernimmt auch den Konflikt.

 

Wer Autorität übernimmt, übernimmt auch den Konflikt, vermeidet ihn nicht, versucht ihn nicht zu verschweigen oder beizulegen und ihn auch nicht - wie es üblicherweise geschieht - auf eine bestimmte Frage zu beschränken. Es geht darum, ihn offen und praktizierbar zu machen, ihn - genau wie die Autorität - zirkulieren zu lassen, so dass er nicht destruktiv wird. Auf diese Weise wird auch das Phantasma einer vorgeblichen, entsetzlichen Allmacht - die in Wirklichkeit niemand hat - außer Gefecht gesetzt. Wenn die Phantasmen besiegt sind, kann uns nichts so gut wie die Praxis des Konfliktes die meisterhafte Kreisbewegung zwischen politischem Handeln und Selbstveränderung zeigen. Diese Kreisbewegung ist das Geheimnis der großen Politik. Die Frauen wissen das besser als die Männer, aber die Beispiele, die wir hier angeführt haben, handeln von Männern. Das ist ein lehrreicher, keineswegs neuer Widerspruch, der die unüberwindliche Asymmetrie zwischen den Geschlechtern bestätigt.

 

 

»yo no soy para más de parlar«   »Ich maße mir vielleicht zuviel an«, schreibt Theresia von Avila in dem wichtigen 21. Kapitel ihres Buch des Lebens, wo sie behauptet, ein politisches Wissen zu besitzen, das ihren Worten nach »den Königen« äußerst nützlich sein könne: »Von welch größerem Vorteil wäre es für sie, sich dieses anzueignen, anstatt nach Vergrößerung ihrer Herrschaft zu trachten! Wieviel Gerechtigkeit gäbe es in ihrem Reiche! Wieviel Übel könnte vermieden werden, wieviel Übel wäre bereits vermieden worden!« Und dann stellt sie im Hinblick auf ihr Geschlecht, in Anbetracht der heldenhaften Taten anderer Frauen fest: Ich kann nichts anderes als sprechen (»yo non soy para más de parlar«). Genauso geht es uns hier. Genauso geht es anderen in zahllosen Situationen des täglichen Lebens. Sprechen und zuhören, wie die im folgenden zitierte Stadtteilvorsitzende, die sich mit der Immigration und der Prostitution auseinander setzen muß, die ihr Viertel überrollt haben:

 

»Am Anfang meiner Tätigkeit als Stadtteilvorsitzende hatte ich das Gefühl, in einem Karussell zu sitzen, das mich immer im Kreis herumschleuderte und mich daran hinderte, von mir selbst auszugehen und direkt zu handeln. Meine größte Arbeit bestand darin, das Karussell anzuhalten, mich nicht von den unmittelbar anstehenden - echten oder vermeintlichen - Schwierigkeiten einschüchtern zu lassen und die Praxis der Beziehungen zu verstärken, vor allem zu einigen Frauen. So ist es mir gelungen, die Probleme mit der notwendigen Aufmerksamkeit im Auge zu behalten und im direkten Kontakt mit konkreten Frauen und Männern - die oft mehr Ressourcen als die sogenannten Institutionen haben - eine Lösung zu finden. Dass sich so viele Leute mit ihren Schwierigkeiten an den Stadtteilrat wenden und zufrieden sind, wenn ihnen wenigstens jemand zuhört und ihnen mit ein paar sinnvollen Worten antwortet, zeigt für mich das Bedürfnis nach Kommunikation und nach Autorität

 

Wir finden also die Autorität wieder - hier in ihrem lebendigen Kontext von Vertrauen und Miteinandersprechen. (Auch Hannah Arendt hatte zugegebenermaßen diesen Zusammenhang bereits hervorgehoben.) Vertrauen ist fast ein Synonym für Autorität, und die Kombination mit dem Sprechen ist gleichermaßen sinnvoll, denn in die Sprache, die wir sprechen - die Muttersprache - haben wir oder hatten wir, als wir sie lernten, Vertrauen. Die Sprache ist die ursprünglichste Autorität; es gibt keine Autorität ohne Sprache.

 

Aber die Sprache verweigert sich mittlerweile dem politischen Diskurs. Der scheußliche Politiker- und Journalistenjargon ist nicht nur ein Spiegel, er ist der gequälte Ausdruck eines Sinnverlustes: Was bisher als »Politik« galt, hat keinen Sinn mehr, doch fast niemand wagt dies laut zu sagen, aus Angst, der Sache damit den Rest zu geben. Beeindruckend dabei ist vor allem, dass die direkt Betroffenen (die diesen Zusammenbruch nicht ignorieren können, denn sie müssen täglich damit umgehen) immer nach etwas suchen, was fehlt, anstatt innezuhalten und über den offensichtlichsten Widerspruch nachzudenken: den, der ihrem Umgang mit Macht innewohnt. Zuerst behaupteten sie, in Italien brauche man nur das Mehrheitswahlsystem einzuführen und alles wäre in Ordnung. Und, jetzt, wo es eingeführt ist, was fehlt jetzt? Jetzt fehlt der zweite Wahlgang. Warum habt ihr nicht früher daran gedacht? Bei den Bürgermeisterwahlen haben wir das Mehrheitswahlsystem und auch zwei Wahlgänge - was fehlt dort? Sicher liegt es daran, dass wir in einer »jungen« Demokratie leben, es fehlt eine starke Regierungstradition - nein, es fehlen die Vorwahlen, es fehlt der Föderalismus, die Steuerautonomie der Regionen, die Direktwahl des Parteivorsitzenden, es fehlt an Durchsetzungsvermögen... es fehlt einfach immer etwas, um regieren zu können. Aber Clinton und der phantastischen Hillary - was fehlte denen? Nicht eine ausgereifte Demokratie, nicht die Vorwahlen, nicht der Föderalismus, nicht die Direktwahlen und auch nicht das Durchsetzungsvermögen - und doch haben sie es nicht geschafft, das katastrophale Gesundheitssystem der USA zu verändern und es dem wesentlich zivileren in Europa anzugleichen. Dabei war das (und bleibt es vielleicht auch, was Hillary betrifft) das Hauptziel, das sie sich bei der Präsidentschaftskandidatur gesetzt hatten und mit dem sie die Wahlen gewonnen hatten. Wie in einem Leitartikel der Tageszeitung La Stampa zu lesen war, ist »Politik auf der ganzen Welt der legitime Kampf um die Eroberung der Macht«. Die armen Kaiser, sie laufen nackt herum und wissen es nicht, um mit einem Bild aus Andersens Märchen zu sprechen. Manch einer läßt es irgendwie durchschimmern, wie der Dezernent für Soziales einer großen italienischen Stadt, der verschämt erklärte: »Die Institutionen allein genügen nicht«. Damit wollte er sagen, dass sein Amt, seine Stadtverwaltung, seine Mehrheit nicht imstande waren, auch nur einen Bruchteil ihres Programms zu verwirklichen, wenn dabei nicht noch andere Kräfte mitwirkten.

 

 

Dasselbe läßt sich auch anders formulieren, und damit klärt sich auch das Rätsel der wachsenden Machtlosigkeit der Macht: Politik läßt sich nicht auf den »legitimen Kampf um die Eroberung der Macht« reduzieren, denn wenn sie nur das wäre, würden die Politiker nur Indianer miteinander spielen. Politik existiert auch in der Form von ehrenamtlicher Arbeit, von Kooperativen, von Zusammenschlüssen, einem Netz solidarischer Beziehungen zwischen Nachbarinnen, von Buchläden, die Leute und Ideen miteinander in Kontakt bringen, von unabhängigen Verlagen... Diese Beispiele (nur einige von vielen) nennen wir hier nicht um der Aufzählung willen, sondern um deutlich zu machen, dass die Praxis der Beziehungen und der Verhandlungen Politik ist. Dieser Praxis von Frauen und Männern an den verschiedensten Orten ist es zu verdanken, wenn das sogenannte soziale Gefüge nicht auseinanderbricht, wenn das Zusammenleben wirkliches Leben bleibt und nicht zu einer Koexistenz voller Mißtrauen und Gereiztheit wird; dieser Praxis ist es zu verdanken, wenn amtliche Entscheidungen Beine (und Köpfe und Herzen) bekommen, um in die richtige Richtung zu gehen, wenn jede/r einzelne in die Lage versetzt wird, mitzudenken und über den eigenen individuellen Bereich hinaus zu wirken.

 

Im Frauenbuchladen Mailand tauchte eines Tages die Vorsitzende einer großen Kooperative für Sozialarbeit auf (die Gesellschaftsform der Kooperative setzt sich in Italien vor allem im Non-Profit-Bereich immer mehr durch) und stellte uns die Frage: »Mir ist vorgeschlagen worden, für den Stadtrat zu kandidieren. Wozu ratet ihr mir? Ich wäre geneigt, den Vorschlag anzunehmen, auch wenn die Arbeit in der Kooperative mich mehr interessiert. Aber ich denke schon seit langem, dass es notwendig ist, sich politisch zu engagieren.« Wir haben ihr geantwortet: »Was du als Vorsitzende der Kooperative machst, ist bereits Politik - ja, es ist die Politik, ohne die die andere nicht funktionieren würde. Du und deine Kolleginnen, ihr geht gegen Isolation und Einzelkämpfertum vor, ihr findet Lösungen für gesellschaftliche Probleme, ihr demonstriert die Vorteile der Zusammenarbeit, und so schafft ihr sozialen Zusammenhang, so erschafft ihr ein Stück Welt. Die Philosophinnen von 'Diotima' würden sagen, ihr bringt die Welt zur Welt.« Dieser Antwort stimmte sie zu, aber sie hatte einen Einwand: »Wenn ich im Stadtrat wäre, könnte ich dort die Interessen der Kooperativen vorbringen, die von der öffentlichen Verwaltung ignoriert oder vernachlässigt werden, weil sie diese Projekte nicht kennt.« - »Aber weshalb solltet ihr euch denen vorstellen? Vielmehr sollten die zu euch kommen. Ihr macht die primäre Politik, die anderen betreiben eine Politik, die wesentlich weniger wirksam als eure ist.« Der Text, den wir hier schreiben, hat der eben erzählten Episode viel zu verdanken. Die Vorsitzende der Kooperative fand die Idee der »primären Politik« gut und bestätigte, dass es wirklich umgekehrt sein müsse, dass nicht sie beim Dezernenten oder bei der Dezernentin antichambrieren müßte, sondern dass er (oder sie) mit der Kooperative über die Probleme der hilfsbedürftigen Bürger und Bürgerinnen diskutieren müßte. Bevor sie sich verabschiedete, meinte sie noch: »Viele Leute machen ja primäre Politik, aber sie betrachten sie nicht als solche, weil sie zu den Politikern ehrfürchtig aufschauen, oder umgekehrt, weil sie Politik verachten und von Politikern überhaupt nichts wissen wollen. Diesen Leuten müßte man eure Überlegungen nahebringen, die finde ich nämlich richtig.« Und so reifte die Idee eines Sottosopra heran, in dem wir den Begriff der primären Politik publik machen wollten - für die, die eine solche Politik bereits betreiben, aber auch für die »Oberpolitiker«, denn diese Entdeckung betrifft sie in erster Person.

 

 

Es ist passiert   Als die Historikerin und Schriftstellerin Lidia Storioni Mazzoleni in einem Interview gefragt wurde, weshalb sie vorzugsweise Frauengestalten behandle, antwortete sie:

 

»Es muß einen Grund dafür geben, dass ich immer unbewußt und völlig unbeabsichtigt Frauengestalten bevorzugt habe. In meinem Buch Profili omerici' (Homerische Gestalten) ist es Helena, die am Webstuhl die Geschichte des Trojanischen Krieges webt; dann Kassandra, dazu verurteilt, nicht erhört zu werden wie alle intelligenten und vernunftbegabten Frauen; dann die Amme Euriklea, die Odysseus als erste erkennt. Eine Frau war auch Galla Placidia, und eine weitere Frau, »eine Ehefrau« war die, die ich aus verschiedenen Fragmenten zusammenzusetzen und wiederzubeleben versucht habe... Frauen sind auch die Protagonistinnen der großen Tragödien - Antigone, Elektra, und auch die ergreifendste Gestalt der Illas, Andromache, ist eine Frau. Frauen, die Geschichte und Leben verwoben. Es ist unabsichtlich passiert, aber sicher nicht aus Zufall. « (Interview mit Eugenlo Manca in der Tageszeitung Unitá)

 

Unsere Aussage soll denselben bestimmten, subtilen Ton haben, der im letzten Satz der bekannten Wissenschaftlerin liegt: Es ist passiert - unabsichtlich, aber sicher nicht aus Zufall.

 

Eine Frage ist noch offen: Gibt es also zwei Arten von Politik? Und welche Auswirkungen hat die Tatsache, dass die eine vor der anderen kommt, in der Praxis? - Nein, es gibt keine zwei Arten von Politik. Die Geschlechter sind zwei, aber die Welt ist eine, und sie ist von Männern und Frauen bewohnt. Der Name »primäre Politik« soll eine Brücke darstellen für diejenigen, die sich Politiker/innen nennen. Sie sollen sich klarmachen, dass sie sich nicht im »Politikertum« einschließen dürfen und stattdessen ihren Blick auf die zahllosen Frauen und Männer richten, die mit ihrem Engagement die Zivilisation zivil und die Menschheit menschlich machen.

 

Es ist also eine andere Frage zu stellen, und zwar, ob und wie dieses Handeln zu der Politik werden kann. Sicher nicht so, wie es sich der Dezernent für soziale Fragen vielleicht vorstellt: als Zuträgerdienst oder als ergänzende Maßnahmen, denn wir leben nicht mehr in einer Zeit von Zuträger- oder Flickdiensten. Wir leben in einer Zeit der Veränderung.

 

Was in Zeiten der Veränderung Schwierigkeiten macht, ist der Blick. Der Blick bleibt dem Alten verhaftet, und wenn er nicht das Altgewohnte sieht, sieht er vorzugsweise Fragmentierung, Unordnung. Er sieht nicht, dass die Wirklichkeit neue Formen annimmt, dass bereits gute Lösungen existieren und an vielen Orten praktiziert werden. Wie etwa selbstverwaltete Zusammenschlüsse - eine Antwort auf die Krise der großen Organisationen; oder die Freiwilligenorganisationen, die versuchen, eine praktische Antwort zu geben auf soziale und weltweite Krisen (letztere müssen vielleicht ohne Antwort bleiben); denken wir auch an die Zunahme selbstverwalteter und selbständiger Arbeit - die nicht nur den Rückgang der festen Arbeitsplätze, sondern auch den Verlust von ihrer zentralen Rolle ausgleicht.

 

Diese Antworten sind schon Politik. Das heißt, sie sind Möglichkeiten der Vermittlung zwischen Wünschen und Bedürfnissen auf der einen und historischer Veränderung auf der anderen Seite. Der alte Blick nimmt nicht wahr, dass diese Antworten der Welt und der Gesellschaft Leben verleihen, jenseits der Widersprüche und der Risse in der Gegenwart. Angestrengt versucht er, politische Formen zu finden, die seiner Logik entsprechen: Vor die Erfindung des Neuen stellt er die Wiederholung des Alten und vor die Kreativität die Bewahrung des Vorgegebenen. Zu oft stellen sich zum Beispiel auch Freiwilligenorganisationen und selbstverwaltete Zusammenschlüsse an die Seite der politischen Macht - fast als ob sie von dieser eine symbolische Anerkennung erwarteten. Wie wir hier aber gezeigt haben, ist die herrschende politische Kultur mit besonderer Blindheit geschlagen, was die weiblichen Formen der Vermittlung anbelangt, die in der Zeit des zu Ende gehenden Patriarchats recht erfolgreich und souverän operieren. Als ein Zeichen für diese Souveränität ist die Tatsache zu werten, dass die Frauen die zentralen Veränderungen in ihrem Leben nicht in Forderungen an die offizielle Politik fassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Frauen die offizielle Politik verschmähen, denn zu den Wahlen gehen sie; hier zeigt sich vielmehr ein Bewusstsein über die natürlichen Grenzen dieser Politik. Was wir hier sagen, liegt offen zutage. Doch der alte Blick sieht es nicht, denn er versucht es zu interpretieren als 1) Mangel an Gesetzgebung und 2) unausgewogene Vertretung der Geschlechter - womit den Praxisformen der Frauen ihre politische Substanz genommen ist. Wir können hier nichts anderes als sprechen, und wir sagen: An manchen Orten gibt es eine »Abwesenheit« von Frauen, die keine solche ist. Bei bestimmten Diskussionen zeigt sich ein »Schweigen« der Frauen, das kein solches ist. Das weibliche Begehren ist aus einer schlimmen Geschichte von Zwängen und Beschränkungen lebendig hervorgegangen, und es hat originelle Praxisformen und Worte geschaffen. Das erklärt auch, weshalb es der Soziologie, der politischen Ökonomie und der Politik nicht gelingt, die Entscheidungen der Frauen bezüglich ihrer Arbeit und ihres Lebens in die vorgegebenen Interpretationsraster zu zwängen. Nicht einmal dem Feminismus - dem Feminismus, der beansprucht, die Frauen zu vertreten - ist das gelungen. Die Frauen (oder: die Frau) stehen nicht mehr als repräsentierbares Objekt und auch nicht als repräsentatives Subjekt zur Verfügung.

 

 

Die »heimliche Voraussetzung« (Robert Kurz) der modernen auf Warenproduktion und -konsum basierenden Gesellschaften ist somit ans Tageslicht gekommen: Es war die schweigend und gratis verrichtete Arbeit der Frauen. Heute haben die traditionellen, ans Haus und seine Bewohner gebundenen Rollenmuster nicht mehr die zwingende Verbindlichkeit wie in vergangenen Zeiten, und sie stehen einer direkt bezahlten Erwerbstätigkeit nicht mehr im Wege. Aber - und hier liegt der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Sache - die Frauen identifizieren sich nicht mit dem Ende dieser fundamental wichtigen, aber unsichtbaren und gratis verrichteten Arbeit. Sie setzen dem Schweigen über die Ausbeutung der weiblichen Arbeit ein Ende, nicht aber dem zivilisatorischen Werk der Frauen, das jetzt in seiner ganzen - auch ökonomischen - Tragweite zum Vorschein kommt. Die Politik der Frauen hat also mehr bewirkt als das »Geheimnis« der weiblichen Unterordnung im Hause zu lüften: Sie hat bewirkt und bewirkt noch, dass das Frausein nicht mehr als Tauschwert unter Männern darstellbar ist. Sie hat bewirkt und bewirkt noch, dass das Menschsein nicht den Mechanismen unterliegt, die den Beziehungen zwischen Menschen einen Warencharakter aufdrücken. In einfacheren Worten heißt das: Dank der weiblichen Freiheit wird es immer weniger möglich sein, aus den Beziehungen zwischen Menschen ein Gut zu machen, das wie eine beliebige Ware auf den Markt gebracht werden kann. Die weibliche Differenz nimmt so ein universelles Zeichen von Menschlichkeit an, das den Projekten, die »schon Politik sind« und es nicht wissen, die notwendige Radikalität verleiht. All das, was Menschen heute unternehmen, um das Bestehende zu verändern - Arbeit, Kultur, Wirtschaft, die Organisation der öffentlichen Verwaltung - kann aus einer freien Interpretation des Frauseins/des Mannseins neue Worte und eine Leichtigkeit im Umgang mit den Dingen gewinnen.

 

Das sagen wir ohne Triumphgefühle. Mit vielem müssen wir uns noch auseinander setzen: mit dem Übermaß an Wissen über das Leben - wie wir es haben -, mit dem zu intensiven Austausch zwischen Frauen, mit einem gewaltig großen historischen Gewinn - dem Ende des Patriarchats -, der zwangsläufig eine gewaltig große Aufgabe nach sich zieht.

 

 

 

Zur Vorbereitung des Roten Sottosopra haben beigetragen:

 

Loredana Aldegheri

Letizia Bianchi

Denise Briante

Annarosa Buttarelli

Rinalda Carati

Lia Cigarini

Sandra De Perini

Anna Di Salvo

Cristiana Fischer

Francesca Graziani

Marisa Guarneri

Clara Jourdan

Maria Marangelli

Luisa Muraro

Lilli Rampello

Daniela Riboli

Traudel Sattler

Oriella Savoldi

Rosetta Stella

Mari Zanardi

Luana Zanella

und andere